{"id":59,"date":"2013-12-12T00:50:33","date_gmt":"2013-12-11T22:50:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=59"},"modified":"2013-12-12T00:50:33","modified_gmt":"2013-12-11T22:50:33","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=59","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (4)"},"content":{"rendered":"<p>Die bisher betrachteten &#8222;anakreontischen&#8220; Vierheber sind, wie gesagt: hell, leicht, t\u00e4ndelnd und spielend, oft in der Natur verortet (wenn \u00fcberhaupt). Als Gegenst\u00fcck stelle ich hier nun einen Text von Christian Morgenstern ein, nicht allzulang, aber schon ein vollwertiges Erz\u00e4hlgedicht; und auf See, im Nebel, dramatisch, technisch &#8230; das &#8222;Gegenteiligste&#8220;, was mir gerade einfiel!<\/p>\n<p><strong>Im Nebel<\/strong><\/p>\n<p>Schaurig heult das gro\u00dfe Dampfhorn<br \/>\nseine Warnung in den Nebel &#8230;<br \/>\nIrgendwo antwortet schaurig,<br \/>\nleis bald, lauter bald, ein andres &#8230;<br \/>\nAngstvoll stehn die Passagiere,<br \/>\njeden Nerv gespannt die Mannschaft &#8230;<br \/>\nSchaurig heult das gro\u00dfe Dampfhorn &#8230;<br \/>\nDumpf antwortet&#8217;s aus dem Nebel &#8230;<br \/>\nAlles sp\u00e4ht, horcht, misst die Pausen,<br \/>\ndie Maschine schafft mit Halbdampf,<br \/>\nlangsam schiebt durch undurchdringlich<br \/>\nDunkel der Koloss sich vorw\u00e4rts &#8230;<br \/>\nSchaurig heult das gro\u00dfe Dampfhorn &#8230;<br \/>\nDumpf antwortet&#8217;s aus dem Nebel &#8230;<br \/>\nIn den Schiffsraum steigen Wachen,<br \/>\nan den Luken, an den Booten<br \/>\nharrt Bemannung, von der Br\u00fccke<br \/>\nschallt des Kapit\u00e4ns Befehlsruf &#8230;<br \/>\nSchaurig heult das gro\u00dfe Dampfhorn &#8230;<br \/>\nDumpf antwortet&#8217;s n\u00e4her und n\u00e4her &#8230;<br \/>\nDie Erregung w\u00e4chst zum Fieber &#8230;<br \/>\nAhnt wer, dass des Todes Hand die<br \/>\nKompassnadel abgelenkt hat,<br \/>\ndass der Mann am Steuer falsch f\u00e4hrt?<br \/>\nSchaurig heult das gro\u00dfe Dampfhorn &#8230;<br \/>\nLaut antwortet n\u00e4chste N\u00e4he &#8230;<br \/>\nB\u00f6llerschlag -: Schwerf\u00e4llig tasten<br \/>\nwei\u00dfe Kugeln in die D\u00e4mmrung &#8230;<br \/>\n&#8222;Schiff an Steuerbord!&#8220; &#8211; Zu sp\u00e4t! &#8211; Schon<br \/>\nschie\u00dft es rauschend, ungeheuer,<br \/>\nunaufhaltsam aus dem Nebel &#8211;<br \/>\ngr\u00e4sslich mischen sich die H\u00f6rner &#8211;<br \/>\nrasend rolln die Steuerketten &#8211;<br \/>\n&#8222;R\u00fcckdampf!&#8220; &#8211; Schreie &#8211; Donnerkrachen &#8211;<br \/>\nalles st\u00fcrzt zu Boden &#8211; Flammen<br \/>\nspeit der Kesselraum &#8211; der Spiegel<br \/>\nsenkt sich &#8211; aller Kampf vergebens! &#8211;<br \/>\n&#8222;Boote ab!&#8220; &#8211; Umsonst! &#8211; In Wirbeln,<br \/>\nStrudeln, Kratern dreht sich alles<br \/>\ntollen Tanzes in die Tiefe &#8230;<br \/>\nWo verblieb der fremde Fahrer?<br \/>\nSank er? Fuhr er feig des Weges?<br \/>\nLautlos lastet dicker Nebel<br \/>\n\u00fcber totenstillen Wassern.<\/p>\n<p>Bei &#8222;Im Nebel&#8220; denkt man wohl eher an Hermann Hesses ber\u00fchmtes Gedicht (&#8222;Seltsam, im Nebel zu wandern!&#8220;); aber davon ist Morgensterns Schilderung eines Schiffsungl\u00fccks sehr weit entfernt!<\/p>\n<p>Gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig ist zuerst einmal die \u00dcberf\u00fclle an Satzzeichen; aber der kann man ja ganz einfach dadurch entgehen, dass man den Text laut liest und ihm mit den Ohren statt mit den Augen nachsp\u00fcrt. Wie bei allen Erz\u00e4hlt-Gedichten und Erz\u00e4hl-Versen ist das auch hier ein sehr guter Gedanke!<\/p>\n<p>Den Vierheber selbst nutzt Morgenstern dabei, na: &#8222;unauff\u00e4llig&#8220;. Er erlaubt sich nur eine Abweichung vom Metrum: <em>Dumpf antwortet&#8217;s n\u00e4her und n\u00e4her &#8230;<\/em> hat eine \u00fcberz\u00e4hlige unbetonte Silbe gegen Ende. Und die Einheit des Verses bewahrt er durchg\u00e4ngig, nur zweimal gibt es einen wirklich harten Zeilensprung: <em>Ahnt wer, dass des Todes Hand die \/ Kompassnadel abgelenkt hat<\/em>, und <em>&#8222;Schiff an Steuerbord!&#8220; &#8211; Zu sp\u00e4t! &#8211; Schon \/ schie\u00dft es rauschend, ungeheuer,<\/em><\/p>\n<p>Das ist beim Vierheber aber eigentlich immer so: zus\u00e4tzliche oder fehlende Silben sind die seltene Ausnahme, und der Vers bleibt so gut wie immer als achtsilbige Einheit zu erkennen.<\/p>\n<p>Trotzdem wirken die Verse keineswegs einf\u00f6rmig; Morgenstern nutzt viele M\u00f6glichkeiten, innerhalb dieses recht engen Rahmens f\u00fcr Abwechslung zu sorgen. Bezogen auf den letzten Beitrag, in dem ja der Hinweis stand, Verse der Art [i]Viele sollten wieder sterben[\/i] seien gef\u00e4hrlich, weil sie &#8222;klappern&#8220;, meint, die Grundbewegung des Verses \u00fcberbetonen, weise ich auf diesen Vers hin:<\/p>\n<p><em>Alles sp\u00e4ht, horcht, misst die Pausen,<\/em><\/p>\n<p>Da steht das &#8222;horcht&#8220; in der Senkung, z\u00e4hlt also eigentlich als unbetont; so kann man aber unm\u00f6glich lesen, erst recht nicht, da es durch zwei Komma auch noch zeitlich vereinzelt ist. Das einfachste ist da bestimmt, &#8222;sp\u00e4ht, horcht, misst&#8220; alles gleich schwer, lang, betont zu lesen; und durch diese Gleichf\u00f6rmigkeit verwischt die Grundbewegung des Verses, das Auf und ab, ziemlich stark.<\/p>\n<p>Man kann das auch in die andere Richtung versuchen, wie bei diesem Vers aus dem im zweiten Teil vorgestellten Gedicht von G\u00f6tz:<\/p>\n<p><em>Und es hat ein k\u00fchner Fremdling<\/em><\/p>\n<p>Hier sind die ersten vier Silben sich sehr \u00e4hnlich. Zwar besetzen zwei davon eine Hebungsstelle, aber im Vortrag wird jeder diese vier Silben gleich leicht, kurz, unbetont lesen?! Auch hier verwischt dann die Grundbewegung. Das passt zur Leichtigkeit des G\u00f6tz-Textes durchaus, bei Morgenstern w\u00e4re es fehl am Platz und kommt auch nicht vor.<\/p>\n<p>Darin liegt nun eine der Herausforderungen des Vierhebers: W\u00e4hlt man zuviele &#8222;schwere&#8220; oder zuviele &#8222;leichte&#8220; Silben nacheinander, verliert der Vers seine einpr\u00e4gsame Gestalt; w\u00e4hlt man zu wenige, wird er h\u00f6lzern und klappert. Da gilt es, ein Ma\u00df zu finden!<\/p>\n<p>Was Morgenstern sonst noch alles so anstellt im Vers &#8211; schaut mal rein. Ich erw\u00e4hne nur noch diese beiden Verse:<\/p>\n<p><em>schie\u00dft es rauschend, ungeheuer,<\/em><br \/>\n<em>unaufhaltsam aus dem Nebel &#8211;<\/em><\/p>\n<p>Denn deren eindr\u00fccklicher &#8222;Dreischritt&#8220; hat mich an einen anderen erinnert, aus &#8222;Der alte S\u00e4nger&#8220; von Adelbert von Chamisso:<\/p>\n<p><em>Unaufhaltsam, unabl\u00e4ssig,<\/em><br \/>\n<em>Allgewaltig dr\u00e4ngt die Zeit.<\/em><\/p>\n<p>Das hat sicher auch etwas mit dem &#8222;unaufhaltsam&#8220; zu tun, aber ich denke, es ist vor allem diese Nachdr\u00fccklichkeit in der Bewegung, die sich einpr\u00e4gt; denn troch\u00e4ische Vierheber sind es hier wie da!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die bisher betrachteten &#8222;anakreontischen&#8220; Vierheber sind, wie gesagt: hell, leicht, t\u00e4ndelnd und spielend, oft in der Natur verortet (wenn \u00fcberhaupt). Als Gegenst\u00fcck stelle ich hier nun einen Text von Christian Morgenstern ein, nicht allzulang, aber schon ein vollwertiges Erz\u00e4hlgedicht; und auf See, im Nebel, dramatisch, technisch &#8230; das &#8222;Gegenteiligste&#8220;, was mir gerade einfiel! 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