{"id":594,"date":"2014-01-18T01:29:50","date_gmt":"2014-01-17T23:29:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=594"},"modified":"2015-11-20T00:53:50","modified_gmt":"2015-11-19T22:53:50","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=594","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (3)"},"content":{"rendered":"<p>Ein Mal, ein einziges Mal ist Thomas Mann der Prosa untreu geworden und hat sich, wie er es nennt, als \u201emetrischer Dichter\u201c versucht. Das war, als er in den allerletzten Tagen des ersten Weltkriegs mit der Idylle \u201eGesang vom Kindchen\u201c begann, die von der im April 1918 geborenen Tochter Elisabeth handelt. Geschrieben hat Mann seine Idylle in Hexametern, und im \u201eVorsatz\u201c des Gesangs beschreibt er diesen Vers.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen Silbenfall wei\u00df ich \u2013 es liebten ihn Griechen und Deutsche &#8211;<br \/>\nM\u00e4\u00dfigen Sinnes ist er, betrachtsam, heiter und rechtlich;<br \/>\nZwischen Gesang und verst\u00e4ndigem Wort h\u00e4lt er wohlig die Mitte,<br \/>\nFestlich und n\u00fcchtern zugleich. Die Leidenschaften zu malen,<br \/>\nInnere Dinge zu scheiden, spitzfindig, taugt er nicht eben.<br \/>\nAber die \u00e4u\u00dfere Welt, die besonnte, in sinnlicher Anmut<br \/>\nAbzuspiegeln in seinem Gekr\u00e4usel, ist recht er geschaffen.<br \/>\nPlauderhaft gibt er sich gern und schweift zur Seite. Besonders<br \/>\nWar es ihm immer gem\u00e4\u00df, wenn es h\u00e4uslich zuging und herzlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der letzte Vers ist sicher ein Hinweis auf Goethes \u201eHermann und Dorothea\u201c, was Mann als Vorbereitung gelesen hatte, und die \u201eLuise\u201c von Vo\u00df, die er erst lesen wollte, dann aber verworfen hatte \u2013 beides &#8222;h\u00e4usliche&#8220; Idyllen.<\/p>\n<p>Jedenfalls, was Mann mit seiner Hexameter-Beschreibung sagen will: Der Hexameter ist ein epischer, ein erz\u00e4hlender Vers. Alles, was nicht anschaulich ist, ist ihm erst einmal fremd! Das kann man nat\u00fcrlich auch etwas weniger verschwurbelt ausdr\u00fccken als Mann.<\/p>\n<p>Ulrich H\u00f6tzer schreibt etwa in <em>&#8222;Grata negligentia&#8220; &#8211; Ungestiefelte Hexameter&#8220;<\/em>, seinen unbedingt lesenswerten <em>Bemerkungen zu Goethes und M\u00f6rikes Hexameter, <\/em>zu finden in &#8222;Der Deutschunterricht 1964&#8220;:<\/p>\n<p><em>Mit stets gleichbleibender Geb\u00e4rde stellt dieser Vers, unendlich gereiht, Welt vor den Leser oder H\u00f6rer hin, und der gleichartige, aber nie identische Rhythmus spricht stets dieselbe Bewusstseinsebene an: aus dem Abstand betrachtende Teilnahme.<\/em><\/p>\n<p>Oder, noch einpr\u00e4gsamer:<\/p>\n<p><em>Der Hexameter stellt dem H\u00f6rer Welt gegen\u00fcber als reine, ungemischte und ungebrochene Gegenwart.<\/em><\/p>\n<p>Das ist ein Standpunkt, den man heutzutage nicht mehr so ganz oft einnimmt in der Lyrik \u2013 vielleicht zu unrecht. Thomas Mann jedenfalls scheint er der wesentliche Punkt beim Hexameter zu sein, viel wichtiger als etwa eine genaue Befolgung der Versbau-Regeln. Er schrieb angesichts von Kritik an seinem Versbau 1920 an die &#8222;Rupprechtspresse&#8220;, die eine Luxusausgabe der Idylle herausbrachte :<\/p>\n<p><em>Es kam mir mehr darauf an, den Hexameter zu markieren und seinen Geist, der der Geist des Gegenstands war, sp\u00fcren zu lassen, als darauf, schulgerechte Verse zu schreiben, von denen \u00fcbrigens eine nicht geringe Anzahl, willkommen gehei\u00dfen, wenn sie ganz leicht und von ungef\u00e4hr sich einstellten, in dem Gedicht zu finden ist. Die in Kritiken viel erw\u00e4hnte Holprigkeit der Verse ist, meinem besseren Wissen zufolge, nur scheinbar. Liest man die Rhythmen nicht als Hexameter, sondern frei, so lesen sie sich gut, wie sprachlich feinf\u00fchlige Leute mir best\u00e4tigt haben.<\/em><\/p>\n<p>Hm. Also meiner Meiung nach behauptet Mann da gerade, dass es Sinn macht, eine bestimmte Verssorte zu schreiben und dann ihre Eigenarten unter den Tische fallen zu lassen. Das scheint ein wenig wunderlich, und ich f\u00fcrchte, Mann hat einfach nicht genug ge\u00fcbt, bevor er loslegte &#8230; Wie schrieb er, nachdem er schon vier Monate an der Idylle gearbeitet hatte, doch so sch\u00f6n in sein Tagebuch:<\/p>\n<p><em>Erst jetzt verstehe ich mich eigentlich auf den Hexameter. Ich bin in dies kleine Unternehmen mit einer unglaublichen metrischen Ahnungslosigkeit hineingegangen. Irgendwie genau genommen, sind mindestens die H\u00e4lfte der Verse horribel. Hoffentlich h\u00e4lt man&#8217;s f\u00fcr freie Absicht.<\/em><\/p>\n<p>Jaja. Aber das alles beiseite und vergessen: So schlecht sind Manns Verse dann auch nicht. Die Anschaulichkeit, der Geist des Gegenstands, ist immer da und oft eindrucksvoll; und dass Manns Hexameter nicht wie die von Goethe klingen, scheint zumindest mir verst\u00e4ndlich angesichts der \u00fcber 100 Jahre, die zwischen &#8222;Hermann und Dorothea&#8220; und dem &#8222;Gesang von Kindchen&#8220; liegen. Als Beispiel und Beleg hier noch einige Verse aus dem Abschnitt &#8222;Krankheit&#8220;, beginnend mit der Diagnose des Arztes:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fluss des Mittelohrs, also lautet betr\u00fcblich sein Wahrspruch.<br \/>\nDa galt es pfleglich vorzugehen und nach der Verordnung:<br \/>\nWasserstoffsuperoxyd, das dumpf und brodelnd im Ohr braust,<br \/>\nEinzulassen, so dass du bet\u00e4ubt die Augen verdrehtest,<br \/>\nLinderndes \u00d6l, nicht zu k\u00fchl, doch um Gott auch wieder zu hei\u00df nicht,<br \/>\nIn den winzigen H\u00f6rgang zu tr\u00e4ufeln, wo rei\u00dfend die Qual dir<br \/>\nNistete, und mit w\u00e4rmender Watte den Eingang zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wasserstoffsuperoxyd<\/em>. Heute nennt man das eher <em>Wasserstoffperoxid<\/em>, und es ist die wortgewordene Verortung der Idylle im 20. Jahrhundert. An den Schluss stelle ich noch ein Zitat Manns,\u00a0 das den Bogen schl\u00e4gt wieder zum Anfang dieses Eintrags:<\/p>\n<p><em>Hexameter und Gr\u00fcbelei ist jedenfalls ein Widerspruch. Der Vers verlangt klare, gesunde Gedanken.<\/em><\/p>\n<p>Entnommen ist das Zitat, wie auch die beiden vorigen Zitate aus Brief und Tagebuch, den wichtige Auskunft gebenden &#8222;Nachbemerkungen des Herausgebers&#8220;, womit gemeint ist: Peter de Mendelssohn, der die &#8222;Gesammelten Werke&#8220; Thomas Manns bei Fischer verantwortet hat; aus dem Band &#8222;Sp\u00e4te Erz\u00e4hlungen&#8220; (!981) habe ich auch die Ausschnitte der Idylle\u00a0 \u00fcbernommen &#8211; der erste findet sich auf den Seiten 102 und 103, der zweite auf Seite 119.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mal, ein einziges Mal ist Thomas Mann der Prosa untreu geworden und hat sich, wie er es nennt, als \u201emetrischer Dichter\u201c versucht. Das war, als er in den allerletzten Tagen des ersten Weltkriegs mit der Idylle \u201eGesang vom Kindchen\u201c begann, die von der im April 1918 geborenen Tochter Elisabeth handelt. Geschrieben hat Mann seine&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=594\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (3)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-594","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/594","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=594"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/594\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5455,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/594\/revisions\/5455"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=594"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=594"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=594"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}