{"id":5967,"date":"2016-03-26T00:59:58","date_gmt":"2016-03-25T22:59:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=5967"},"modified":"2016-03-26T01:02:18","modified_gmt":"2016-03-25T23:02:18","slug":"erzaehlformen-das-distichon-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=5967","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Distichon (24)"},"content":{"rendered":"<p>Manche Gedichte versteht man, manche nicht; beides hat seinen Reiz. In Friedrich R\u00fcckerts erster &#8222;Alters-Erinnerung an Amaryllis&#8220; (seine umworbene Jugendliebe) &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schneeige Frisch&#8216; und K\u00fchle des Zahns, in rosiger Lippen<br \/>\nPurpurmuschel gefasst, wie Diamant in Rubin!<br \/>\nLieblich bricht wie des Odems an dir sich die Woge des Wohllauts,<br \/>\nUnd ich beneide den Biss, den in den Apfel du tust.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8230; ist das erste Distichon in seiner Formelhaftigkeit sehr gut verst\u00e4ndlich; das zweite dagegen? Hm. Aber da gibt es dann sprachlich manche Entdeckung zu machen, im Hexameter zum Beispiel der scheinbar bunt durcheinandergew\u00fcrfelte Vergleich; und im Pentamter die drei &#8222;den&#8220;, von denen zwei eine Senkung besetzen, eines aber auf einer Hebungsstelle steht. Was man, ansatzweise, begr\u00fcnden kann: Die zwei sind bestimmte Artikel, das eine aber Relativpronomen und damit vom Sinngehalt deutlich h\u00f6herwertig, mithin eine schwerere Silbe und hebungsf\u00e4higer.<\/p>\n<p>Dass sich die Dichter \u00fcber derlei durchaus Gedanken gemacht haben, zeigt zum Beispiel der Briefwechsel zwischen Friedrich Schiller und Wilhelm von Humboldt, in dem letzter bez\u00fcglich eines schillerschen Hexameters aus &#8222;Natur und Schule&#8220; anmerkt: &#8222;<em>miss- \/ <strong>trau<\/strong>en, der<\/em> &#8211;\u00a0 Das Relativum sollte doch wohl lang sein, obgleich es Vo\u00df sehr oft kurz hat.&#8220; Schiller hat an anderen von Humboldt angesprochenen Stellen ge\u00e4ndert; hier griff er aber nur geringf\u00fcgig ein:<\/p>\n<p>Muss ich dem Trieb misstraun, der leise mich warnt, dem Gesetze,<\/p>\n<p>Also &#8222;<strong>traun<\/strong>, der&#8220; was man im humboldtschen Sinn immerhin als <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 \u2014<\/span> lesen kann statt &#8222;-<strong>trau<\/strong>en der&#8220;, was nur als <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 \u25e1 \u25e1<\/span> h\u00f6rbar gemacht werden kann.<\/p>\n<p>Das ist, glaube ich, wieder so eine Stelle, wo man den Dichtern, die \u00fcber die von ihnen benutzen Formen auch nachdenken, statt sie nur zu f\u00fcllen, durchaus auf die Feder schauen kann. Schiller ist in vielerlei Hinsicht von einer gesunden Hemds\u00e4rmligkeit, die auch vor dem Artikel in der Hebung nicht zur\u00fcckschreckt &#8211; der Hexameter-Eingang &#8222;Der Notwendigkeit&#8220; findet sich als <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 <span style=\"color: #ff0000\">\u2014<\/span> \u2014 \u25e1 \u25e1<\/span> in &#8222;Natur und Schule&#8220; nur einige Verse unter dem eben angef\u00fchrten.<\/p>\n<p>Und nicht, dass ich die vielen tausend Hexa- und Pentameter R\u00fcckerts auch nur ann\u00e4hrend \u00fcberblickte; aber in den zweihundert, die ich eben als Stichprobe durchgesehen habe, findet sich kein Artikel in Hebungsstellung, und zumindest gef\u00fchlt: auch sonst nirgends. Aber ich achte darauf, demn\u00e4chst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche Gedichte versteht man, manche nicht; beides hat seinen Reiz. 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