{"id":61,"date":"2013-12-12T00:58:55","date_gmt":"2013-12-11T22:58:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=61"},"modified":"2013-12-12T01:05:10","modified_gmt":"2013-12-11T23:05:10","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=61","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (5)"},"content":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte in den weiteren Beitr\u00e4gen auf wirklich lange Erz\u00e4hltexte zu sprechen kommen; solche, die mehrere tausend Verse umfassen. Diese Texte werden in der Regel nicht aus der Jetztzeit stammen, sondern vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts oder aus noch fr\u00fcherer Zeit.<\/p>\n<p>Um aber zu zeigen, dass auch heutzutage in troch\u00e4ischen Vierhebern erz\u00e4hlt werden kann und erz\u00e4hlt wird, stelle ich hier erst noch etwas von Robert Gernhardt ein, einen Ausschnitt aus seinem sehr langen Gedicht <em>Ein Gespr\u00e4ch im Hotel &#8222;Schwarzer Bock&#8220;, Ansbach 1993<\/em>. Entnommen habe ich den Ausschnitt dem Band <em>Robert Gernhardt. Gesammelte Gedichte 1954 &#8211; 2004<\/em>, der 2005 im S.Fischer-Verlag erschienen ist; die Verse finden sich darin auf den Seiten 340-342.<\/p>\n<p>Der Text enth\u00e4lt eine F\u00fclle von Formen, keineswegs nur Vierheber; an einer Stelle aber wird das &#8222;Ich&#8220; gefragt &#8222;Und das soll ich dir abnehmen?&#8220; &#8211; und setzt zu einer l\u00e4ngeren Erz\u00e4hlung in Vierhebern an. Dieser:<\/p>\n<p>Warum nicht? Ein Unbehauster<br \/>\nWar auch ich in jenem Fr\u00fchjahr,<br \/>\nAls die Frau mir anvertraute:<br \/>\nDu, da gibt es einen andern.<br \/>\nNichts wie weg. Erst kurz vor W\u00fcrzburg<br \/>\n\u00fcberlegte ich: Wohin denn?<br \/>\nAmberg? Bamberg? N\u00fcrnberg? Bayreuth?<br \/>\nDann die Flatter hinter W\u00fcrzburg.<\/p>\n<p>Bis die Abfahrt kam, das zog sich.<br \/>\nFahr mal, wenn dein Herz verr\u00fcckt spielt.<br \/>\nRunter. Valium. Drei Kreuze.<br \/>\nDas war knapp. Dann wieder Stra\u00dfen,<br \/>\nRegen, Hinweisschilder, Ansbach.<br \/>\nAnsbach &#8211; war ich da nicht schon mal?<br \/>\nWird schon dunkel. Also Ansbach.<\/p>\n<p>Ansbach also. Zimmersuche.<br \/>\nJa, das nehm&#8216; ich. Eilig weiter.<br \/>\nSchlie\u00dflich muss der Mensch was trinken.<br \/>\nAber wo? Auf Ansbachs Marktplatz<br \/>\nwar nicht los. Doch sehr in Eile<br \/>\nkommt wer keuchend, rennt ins Helle,<br \/>\nst\u00f6hnt dabei. Im Licht der Lampen<br \/>\nwirkt er <em>strange<\/em>. Wie hie\u00df denn noch mal<br \/>\ndiese Jacke? Und weg war er,<br \/>\nrot und schwarz kariert. Noch als ich<br \/>\ndas Lokal betrat, da lag&#8217;s mir<br \/>\nauf der Zunge. Ja, ein Helles!<\/p>\n<p>Dunkler Abend. Je mehr Helle,<br \/>\ndesto d\u00fcsterer sie alle,<br \/>\nSchankraum, Kellner, G\u00e4ste, Zukunft.<br \/>\nPl\u00f6tzlich kreischt es. In der T\u00fcr steht<br \/>\neine Frau und weist nach oben,<br \/>\nkreischend, dass in ihrem Zimmer<br \/>\njemand unter ihrem Bett l\u00e4g&#8216;,<br \/>\nnie gesehn, und Worte st\u00f6hne,<br \/>\nnie geh\u00f6rt. Dann ging die Post ab:<br \/>\nAus dem Nebenzimmer st\u00fcrzen<br \/>\nsieben Amis, breit wie B\u00e4ren,<br \/>\nalle in den gleichen Jacken,<br \/>\nalle mit der gleichen Aufschrift,<br \/>\nalles Judo-Fighter. Alle<br \/>\nsind nur zu bereit zu fighten,<br \/>\nalle rauf. Wir andern warten.<br \/>\nH\u00f6ren erst mal nichts, dann Fl\u00fcche,<br \/>\nKlatschen, Winseln, Poltern. Dann ein<br \/>\nSchrei, so markersch\u00fctternd elend,<br \/>\ndass sich jedes Haar str\u00e4ubt. Alle<br \/>\nschaun wir auf die T\u00fcr und sehen,<br \/>\nwie da wer im tr\u00fcben Licht der<br \/>\nToilette schreit. Im Halbkreis,<br \/>\nfast verlegen, steht die Meute,<br \/>\nderen Anf\u00fchrer zur\u00fcckblafft.<br \/>\nAlles Amis, auch der Schreier,<br \/>\noffenkundig Opfer eines<br \/>\nderart \u00fcbergro\u00dfen Schreckens,<br \/>\ndass er selber schreckt. Beklommen<br \/>\ntreten wir zur\u00fcck. Im Gastraum<br \/>\nherrscht erst Schweigen. Dann sagt einer<br \/>\nwas von Drogen. Und ein andrer<br \/>\nwas von Horror. Und ein Dritter<br \/>\nwill ein Helles. Und dann l\u00e4uft der<br \/>\nFilm zur\u00fcck: Die Amib\u00e4ren<br \/>\nkommen wieder rein, verschwinden<br \/>\nnebenan. Ein Krankenwagen<br \/>\nholt wen ab, und als er heulend<br \/>\nlosf\u00e4hrt, wei\u00df ich unvermittelt,<br \/>\nwie das hie\u00df, was selbst im tr\u00fcben<br \/>\nLicht der Toilette unschwer<br \/>\nzu erkennen war, schwarz-rote<br \/>\nkleine Karos, gro\u00dfer Kragen:<br \/>\n<em>Lumberjack!<\/em> Ja, noch ein Helles!<\/p>\n<p>Der Text beginnt &#8222;lyrisch&#8220; durch das seltsam anmutende &#8222;Unbehauster&#8220;; danach aber, sp\u00e4testens ab dem zweiten Abschnitt, erz\u00e4hlt er mit Begriffen der Gegenwart \u00fcber die Gegenwart; und das auf eine Art, wie es Prosa nicht k\u00f6nnte, meiner Meinung nach!<\/p>\n<p>Wie behandelt Gernhardt den Vers? Auf einer so langen Vers-Strecke k\u00f6nnte man auf vieles hinweisen, aber ich beschr\u00e4nke mich auf drei Dinge.<\/p>\n<p><em>Amberg? Bamberg? N\u00fcrnberg? Bayreuth?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe in den vorigen Beitr\u00e4gen darauf hingewiesen, dass Verse dieser Art &#8211; X x \/ X x \/ X x \/ X x \/, mit dem Zusammenfall von Wort- und Verfu\u00df-Grenzen &#8211; &#8222;klappern&#8220; und besser vermieden werden. Es gibt allerdings eine Ausnahme, und das ist die Aufz\u00e4hlung. Da ist dieser tiefe Einschnitt willkommen, denn dadurch werden die Bestandteile der Aufz\u00e4hlung vereinzelt, es entsteht ein Liste; was ja im Sinne einer Aufz\u00e4hlung ist. Solche Verse haben alle Verfasser!<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter folgt auch hier ein weiterer solcher Vers:<\/p>\n<p><em>Schankraum, Kellner, G\u00e4ste, Zukunft.<\/em><\/p>\n<p>Und weiter hinten im Gedicht, nach dem hier vorgestellten Ausschnitt, bedient sich Gernhardt dann auch noch einmal aus dem allgemeinen Vorrat solcher Aufz\u00e4hlungen: &#8222;Friede, Freude, Eierkuchen&#8220;.<\/p>\n<p>Aber weiter. Eine Frage bez\u00fcglich des Vers-Schlusses lautet: Wie h\u00e4lt es der Verfasser dort mit einsilbigen W\u00f6rtern? Die dadurch erzielte Wirkung ist sehr verschieden von der Wirkung zweisilbiger W\u00f6rter. Einmal kann so ein Zeilensprung eingeleitet werden:<\/p>\n<p><em>H\u00f6ren erst mal nichts, dann Fl\u00fcche,<\/em><br \/>\n<em>Klatschen, Winseln, Poltern. Dann ein<\/em><br \/>\n<em>Schrei, so markersch\u00fctternd elend,<\/em><\/p>\n<p>&#8222;ein \/ Schrei&#8220;, mit einiger Wirkung! Aber auch ohne Zeilensprung sind Einsilber am Versende m\u00f6glich:<\/p>\n<p><em>wirkt er<\/em> strange. <em>Wie hie\u00df denn noch mal <\/em><br \/>\n<em>diese Jacke? Und weg war er,<\/em><br \/>\n<em>rot und schwarz kariert. Noch als ich<\/em><br \/>\n<em>das Lokal betrat, da lag&#8217;s mir<\/em><\/p>\n<p>Hier sind die auf der Hebungsstelle stehenden Einsilber auch noch recht schwach, es f\u00e4llt schwer, sie zu betonen; durch den immer noch vorhandenen, wenn auch nicht so strengen Zeilensprung l\u00f6st sich das Versende beinahe auf, wird unh\u00f6rbar?<\/p>\n<p>Das h\u00e4lt Gernhardt allerdings sehr h\u00e4ufig so. Etwa an der schon genannten Stelle:<\/p>\n<p><em>H\u00f6ren erst mal nichts, dann Fl\u00fcche,<\/em><br \/>\n<em>Klatschen, Winseln, Poltern. Dann ein<\/em><\/p>\n<p>Hier verteilt er eine dieser angesprochenen viergliedrigen Aufz\u00e4hlungen ungleich auf zwei Verse! Ein anderes Beispiel:<\/p>\n<p><em>&#8230;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dann sagt einer<\/em><br \/>\n<em>was von Drogen. Und ein andrer<\/em><br \/>\n<em>was von Horror. Und ein Dritter<\/em><br \/>\n<em>will ein Helles.<\/em><\/p>\n<p>Das sind, strenggenommen, drei glasklare Vierheber:<\/p>\n<p>Dann sagt einer was von Drogen.<br \/>\nUnd ein andrer was von Horror.<br \/>\nUnd ein Dritter will ein Helles.<\/p>\n<p>&#8211; Aber Gernhardt zieht es vor, &#8222;Vers&#8220; und &#8222;Satz&#8220; nicht aufeinanderfallen zu lassen; auch so verschwimmt dem Ohr die Verseinheit. Sie geht aber trotzdem nicht verloren! Ich denke, man sp\u00fcrt zu jedem Zeitpunkt, dass man Verse liest.<\/p>\n<p>Vielleicht haben diese Entscheidungen auch etwas mit der L\u00e4nge des Textes zu tun &#8211; Gernhardt hat auch einige k\u00fcrzere St\u00fccke geschrieben in ungereimten troch\u00e4ischen Vierhebern, da m\u00fcsste man mal vorbeischauen und vergleichen. Wer die &#8222;gesammelten Gedichte&#8220; im Schrank stehen hat (ich empfehle sie!), kann ja mal reinschauen, zum Beispiel bei:<\/p>\n<p>Osterballade, Lang her, Lied der B\u00fccher (mit Bezug auf Heines Vierheber),\u00a0 Lob des Alleinseins, Abend in Fort Lauderdale<\/p>\n<p>Es gibt aber noch einige mehr zu entdecken!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte in den weiteren Beitr\u00e4gen auf wirklich lange Erz\u00e4hltexte zu sprechen kommen; solche, die mehrere tausend Verse umfassen. Diese Texte werden in der Regel nicht aus der Jetztzeit stammen, sondern vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts oder aus noch fr\u00fcherer Zeit. Um aber zu zeigen, dass auch heutzutage in troch\u00e4ischen Vierhebern erz\u00e4hlt werden kann und&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=61\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (5)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-61","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=61"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions\/62"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=61"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=61"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=61"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}