{"id":6253,"date":"2016-06-07T00:34:44","date_gmt":"2016-06-06T22:34:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=6253"},"modified":"2016-06-07T09:44:01","modified_gmt":"2016-06-07T07:44:01","slug":"der-hexameter-146","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=6253","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (146)"},"content":{"rendered":"<p>Mir geht immer noch der in (145) erw\u00e4hnte, 1821 im Rahmen einer Rezension der &#8222;Allgemeinen Literatur-Zeitung&#8220; gefallene Satz im Kopf herum:<\/p>\n<p><em>Auch ist es nicht gut, wenn nach einem daktylischen Anfang ein Spondeus, der nicht einmal ein voller ist, wieder einem nachfolgenden Daktylus vorangeht.<\/em><\/p>\n<p>Hm. Im &#8222;klassischen deutschen Hexameter&#8220; ist in der ersten Versh\u00e4lfte die h\u00e4ufigste Anordnung von drei- und zweisilbigen Versf\u00fc\u00dfen das 2-3-2: Troch\u00e4us-Daktylus-Troch\u00e4us (oder eben &#8222;nicht voller Spondeus&#8220; statt &#8222;Troch\u00e4us&#8220;, was hier aber gleichg\u00fcltig ist). Warum gerade diese Bewegung so beliebt ist, ist leicht zu verstehen: Im ersten Fu\u00df nimmt der Vers Bewegung auf, im zweiten bildet sich diese Bewegung rein, also daktylisch aus, und im dritten bremst sie schon wieder, weil sich dort meist die Z\u00e4sur befindet, eine Pause also.<\/p>\n<p>Goethe hat unendlich viele so beginnende Hexameter, und besonders viele Daktylen im zweiten Fu\u00df. Da ist anzunehmen, dass die Anordnungen der ersten drei F\u00fc\u00dfe, die mit einem Daktylus beginnen, Ableitungen dieser Grundform sind &#8211; und tats\u00e4chlich: Schaut man die &#8222;erste Epistel&#8220; durch, finden sich auf 106 Hexameter nur 34, die mit einem Daktylus beginnen; und darunter sind 14 der Form 3-3-2 und zw\u00f6lf der Form 3-3-3 &#8211; das sind die besagten Ableitungen!<\/p>\n<p>3-2-3, die in der Rezension erw\u00e4hnte Form, ist nichts weniger als eine Umkehrung der gew\u00f6hnlichen Bewegung und sollte daher zwar vorkommen (der Hexameter lebt von der Abwechslung!), aber deutlich seltener; und in der Tat greift Goethe nur siebenmal zu dieser Anordnung der F\u00fc\u00dfe (der dann noch fehlende Fall ist logischerweise ein 3-2-2).<\/p>\n<p>Noch ein Gedanke: Wenn der zweite Fu\u00df zweisilbig ist &#8211; liegt dort vielleicht eine verlangsamende Sinngrenze? Und ist die dann, wie so oft, mit einer Z\u00e4sur im vierten Fu\u00df verbunden?! Nachz\u00e4hlen ergibt: vier der sieben Verse weisen diesen Bau auf! Zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Beispiele:<\/p>\n<p>W\u00e4re Homer <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> von allen geh\u00f6rt, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> von allen gelesen,<br \/>\nSchmeichelt&#8216; er nicht <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span>\u00a0dem Geiste sich ein, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> es sei auch der H\u00f6rer,<\/p>\n<p>Die Sinngrenzen sind nicht allzu deutlich, aber da (und rein \u00e4u\u00dferlich am Wortschluss nach der vierten Silbe erkennbar). Einige Verse sp\u00e4ter klingt der Einschnitt deutlicher:<\/p>\n<p>G\u00f6ttlich verehrt, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> ein M\u00e4rchen erz\u00e4hlen. <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> In Kreise geschlossen,<\/p>\n<p>Auch die Z\u00e4sur im vierten Fu\u00df ist klar vernehmbar. Der vierte so gebaute Vers ist wieder fl\u00fcchtiger:<\/p>\n<p>M\u00fcsset Ihr Euch <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> erst w\u00fcrdig beweisen <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> und t\u00fcchtig zum B\u00fcrger.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle vier aber gilt: Das sind ganz feine Hexameter, und keiner von ihnen st\u00fctzt die Behauptung der Rezension! Ein wenig anders sieht es mit den drei verbleibenden Versen aus:<\/p>\n<p>Aber best\u00e4rken <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> kannst du ihn wohl <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> in seiner Gesinnung<\/p>\n<p>Dieser Gesellschaft <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> jemals betrat; <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> sie lieget im Meere<\/p>\n<p>Diese beiden Hexameter sind genau gleich gebaut und weisen wie die vier schon gezeigten zwei Einschnitte auf, den zweiten im vierten Fu\u00df; der erste aber liegt diesmal <strong>hinter<\/strong> dem zweiten Fu\u00df, was nicht ganz so gl\u00fccklich ist, weil dadurch am Versanfang ein &#8222;X x x X x&#8220; h\u00f6rbar wird; und das ist bekanntlich die Bewegung, die best\u00e4ndig am Hexameterschluss wiederkehrt und ihn dem Ohr kennzeichnet! Hier h\u00e4tte der Rezensent also einen Punkt gemacht &#8230;<\/p>\n<p>Der verbleibende Vers zeigt aber, dass das 3-2-3 bei fehlender Sinngrenze im \/ nach dem zweiten Fu\u00df\u00a0 und Einschnitt im dritten Fu\u00df v\u00f6llig bedenkenlos ist:<\/p>\n<p>Sollen wir freudig horchen <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> und willig gehorchen, so musst du<\/p>\n<p>Kein &#8222;X x x X x&#8220; vernehmbar zu Beginn! Und wenn, w\u00e4re das auch nicht schlimm; einmal ist keinmal. Nur zur Gewohnheit sollte es nicht werden, sonst geht das Gesp\u00fcr f\u00fcr den Versschluss verloren. (&#8222;gehorchen, so&#8220; ist kein Vers-, sondern ein Satzeinschnitt, der hier nicht von Bedeutung ist.)<\/p>\n<p>Und was sagt das alles jetzt genau? Vielleicht das: Hexameter beginnen selten mit der Verteilung 3-2-3. Tun sie&#8217;s, haben sie oft eine Wortgrenze nach der vierten Silbe. Bildet die &#8222;2&#8220; des 3-2-3 ein Wort der Form &#8222;X x&#8220;, ist die Gefahr da, das am Versanfang ein unpassendes &#8222;X x x X x&#8220;\u00a0 aufklingt!<\/p>\n<p>Wobei die Betonung auf &#8222;vielleicht&#8220; liegt &#8211; da m\u00fcsste man jetzt viel gr\u00f6\u00dfere Versmengen durchsehen, sowohl von Goethe als auch von anderen Verfassern. Und die zeigen dann, vielleicht: Alles ist ganz anders. Die aufgewendete M\u00fche lohnt sich aber in jedem Fall, denn das Nachdenken \u00fcber die Versbewegung ist beim Hexameter immer &#8222;erste Verfasser-Pflicht&#8220; &#8230; (Und ich denke, ein paar kleine weitere Stichproben schaue ich mir auch wirklich noch an.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mir geht immer noch der in (145) erw\u00e4hnte, 1821 im Rahmen einer Rezension der &#8222;Allgemeinen Literatur-Zeitung&#8220; gefallene Satz im Kopf herum: Auch ist es nicht gut, wenn nach einem daktylischen Anfang ein Spondeus, der nicht einmal ein voller ist, wieder einem nachfolgenden Daktylus vorangeht. Hm. 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