{"id":6269,"date":"2016-06-09T00:34:24","date_gmt":"2016-06-08T22:34:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=6269"},"modified":"2016-06-09T00:59:28","modified_gmt":"2016-06-08T22:59:28","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-147","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=6269","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (147)"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe die in (146) vorgestellten \u00dcberlegungen inzwischen an einem Text aus der Fr\u00fchzeit des deutschen Hexameters gepr\u00fcft: Das komische Epos &#8222;Murner in der H\u00f6lle&#8220; von Justus Friedrich Wilhelm Zachari\u00e4.<\/p>\n<p>Dessen vierter Gesang enth\u00e4lt 105 Hexameter, was ihn gut vergleichbar macht mit Goethes erster Epistel (106). Der &#8222;Murner&#8220; hat einige Hexameter mehr, die daktlyisch beginnen, insgesamt sind es 44. Von diesen 44 haben 22, bezogen auf die ersten drei F\u00fc\u00dfe, die Form 3-3-3; dann aber kommt schon das 3-2-3 mit 13 Hexametern, w\u00e4hrend vom Typ 3-3-2 nur neun Verse vorkommen! Das 3-2-2 fehlt ganz. Wie liest sich das? Nun, so (geschildert wird ein Paradies):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier ging munter das edle Ross auf gr\u00fcnenden Wiesen;<br \/>\nFrische Winde kr\u00e4uselten ihm die fliegenden M\u00e4hnen,<br \/>\nUnd es wieherte Freiheit. Auf holden blumigen Angern<br \/>\nStand der n\u00fctzliche Stier, auf ewig vom Joche befreiet.<br \/>\nDas unschuldige Schaf sprang auf dem lachenden H\u00fcgel<br \/>\nScherzend einher, und erntete hier die s\u00fc\u00dfe Belohnung<br \/>\nSeiner Geduld und N\u00fctzlichkeit ein. Die bl\u00fchenden W\u00e4lder<br \/>\nSchallten wieder von farbigen S\u00e4ngern. &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das klingt daf\u00fcr, dass Zachari\u00e4 kaum Vorbilder hatte und den Vers ganz aus dem eigenen Empfinden gestalten musste, schon ziemlich gut? Etwas sehr weich, und das Vokabular ist auch recht abgegriffen; aber beides passt ganz gut zum Inhalt, denke ich. Der vorgestellte Abschnitt hat gleich zwei aufeinanderfolgende 3-2-3-Hexameter:<\/p>\n<p>Scherzend einher, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> und erntete hier <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> die s\u00fc\u00dfe Belohnung<br \/>\nSeiner Geduld <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> und N\u00fctzlichkeit ein. <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Die bl\u00fchenden W\u00e4lder<\/p>\n<p>Wieder der schon bei Goethe h\u00e4ufige Bau: Eine Sinn- und damit Wortgrenze im zweiten Fu\u00df, samt der eigentlichen Z\u00e4sur im vierten Fu\u00df! Von den 13 3-2-3-Hexametern sind f\u00fcnf so gebaut. Drei haben gleichfalls zwei Einschnitte, den ersten aber <strong>nach<\/strong> dem zweiten Fu\u00df:<\/p>\n<p>R\u00e4ubrische F\u00fcchse <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> liegen gefesselt <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> an feurigen Ketten<\/p>\n<p>H\u00f6lle statt Paradies, diesmal &#8211; auch in Bezug auf die Versbewegung; das eigentlich f\u00fcr den Schluss des Verses vorgesehene &#8222;X x x X x&#8220; erklingt hier gleich zweimal nacheinander am Versbeginn und in der Versmitte! Auch nicht sch\u00f6n:<\/p>\n<p>Ratten und M\u00e4use, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Schlangen und Eidechsen, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> Spinnen und Raupen<\/p>\n<p>Ein Vers ohne jede Spannung, der in Teilverse zerf\u00e4llt?! Die fehlenden f\u00fcnf Verse haben im 3-2-3 ein zweisilbiges Wort als &#8222;2&#8220;, daf\u00fcr aber eine Z\u00e4sur im dritten Fu\u00df &#8211; oder gar keine:<\/p>\n<p>Bis er zu jenen gl\u00fccklichen W\u00e4ldern und Auen gelangte<\/p>\n<p>Was auch nicht gut ist eigentlich; der Vers wird verschwommen und dabei gehetzt. Aber das sind so die Dinge, die die deutschen Dichter erst einmal erproben mussten. F\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter h\u00e4tte sich H\u00f6lderlin einen solchen Vers kaum noch erlaubt, und M\u00f6rike hundert Jahre sp\u00e4ter schon gar nicht; aber der baute ja auch auf dem umfangreichen Hexameter-Wissen auf, das drei Generationen Dichter zuvor gesammelt hatten!<\/p>\n<p>Und nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Sehr viele von Zachari\u00e4s Versen sind wirklich gelungen, dieser 3-2-3-Hexameter zum Beispiel:<\/p>\n<p>Seelen von Papageien, bestimmt, in Weise zu fahren<\/p>\n<p>Da gibt es nicht das geringste zu bekritten, denke ich &#8211; ein feiner Vers!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe die in (146) vorgestellten \u00dcberlegungen inzwischen an einem Text aus der Fr\u00fchzeit des deutschen Hexameters gepr\u00fcft: Das komische Epos &#8222;Murner in der H\u00f6lle&#8220; von Justus Friedrich Wilhelm Zachari\u00e4. Dessen vierter Gesang enth\u00e4lt 105 Hexameter, was ihn gut vergleichbar macht mit Goethes erster Epistel (106). 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