{"id":63,"date":"2013-12-12T01:03:54","date_gmt":"2013-12-11T23:03:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=63"},"modified":"2013-12-12T01:04:28","modified_gmt":"2013-12-11T23:04:28","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=63","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (6)"},"content":{"rendered":"<p>Die Art und Weise, wie ungereimte, gereihte troch\u00e4ische Vierheber in der deutschen Dichtung gebraucht werden, speist sich aus drei verschiedenen Einfl\u00fcssen. Der erste ist der Einfluss der Antike, die \u00dcbersetzung und Nachahmung der &#8222;Lieder Anakreons&#8220;; davon war hier\u00a0 schon die Rede. Der zweite ist der Einfluss spanische Romanzendichtung; davon wird hier noch die Rede sein. Und der dritte ist der Einfluss der &#8222;Kalevala&#8220;, des finnischen Epos, das Elias L\u00f6nnrot in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts aus gesammelten m\u00fcndlichen Quellen zusammengestellt hat. Der &#8222;Kalavela-Vers&#8220; wird im Deutschen oft durch einen vierhebigen Troch\u00e4us wiedergegeben, eine Entscheidung, \u00fcber die viel gestritten worden ist, die aber auch nicht besser oder schlechter ist als andere.<\/p>\n<p>Klingen tut das ganze dann jedenfalls wie in dem folgenden, ganz kleinen Ausschnitt aus der &#8222;14. Rune&#8220; (das Gesamtwerk umfasst 22795 Verse!) in der \u00dcbersetzung von Dagmar Welding (in 3. Auflage erschienen ???? bei Mellinger in Stuttgart):<\/p>\n<p>&#8222;Waldwirt, du vom Tapiohofe,<br \/>\ndu des Tapiohofes Wirtin,<br \/>\nund du Waldesgreis, du Graubart,<br \/>\ndu des Waldes goldner K\u00f6nig,<br \/>\nMimerki, du Waldesmutter,<br \/>\nliebe Waldesgabenmutter,<br \/>\nin dem blauen Mantel, Alte,<br \/>\nrotbestrumpfte Sumpfeswirtin,<br \/>\nkomme nun das Gold zu tauschen,<br \/>\nkomm nun Silber einzuwechseln,<br \/>\nGold hab ich von Mondesalter,<br \/>\nSilber von der Sonne Alter,<br \/>\nin dem Handgemeng&#8216; gewonnen,<br \/>\nscharfen Schlachten schwer erbeutet;<br \/>\nn\u00fctzt sich ab im Beutel liegend,<br \/>\ndunkelt tr\u00fcb im Zundersacke,<br \/>\nist da niemand, Gold zu tauschen,<br \/>\nund kein Wechsler f\u00fcr das Silber!&#8220;<br \/>\nSo war Lemmink\u00e4inen lustig<br \/>\nlange gleitend hingeeilet,<br \/>\nsang im Laubwald seine Strophen,<br \/>\nin des tiefen Urwalds \u00d6de;<br \/>\nSang geneigt des Waldes Wirtin<br \/>\nund geneigt des Waldes Wirt sich,<br \/>\nmacht von sich entz\u00fcckt die M\u00e4dchen,<br \/>\nstimmt f\u00fcr sich die Tapiot\u00f6chter.<\/p>\n<p>Das ist als \u00dcbersetzung &#8222;abgeleitet&#8220;, die Verse bewegen sich nicht unbedingt so, wie sie es in einem &#8222;rein deutschen&#8220; Text t\u00e4ten; von daher ist es nicht sinnvoll, hier genauer in die Verse hineinzuschauen. F\u00fcr mich liegt der Reiz an anderer Stelle!<\/p>\n<p>Wenn man sich n\u00e4mlich einliest in die Kalevala, dann gewinnt man bald den Eindruck, und festigt ihn mit jedem weiteren Dutzend Verse: Wiederholung ist etwas herrliches, und der troch\u00e4ische Vierheber ist ein Ma\u00df, das Wiederholungen wunderbar tragen und vermitteln kann!<\/p>\n<p>Um mal die ganz gro\u00dfen Worte zu w\u00e4hlen: Hier drin steckt auch ein St\u00fcck Befreiung von dem Zwang der heutigen Sprache, m\u00f6glichst viel m\u00f6glichst fehlerfrei mit m\u00f6glichst kleinem Aufwand aussagen zu m\u00fcssen. Hier findet sich eine M\u00f6glichkeit, Dinge auszubreiten vor dem Leser, sich in Einzelheiten zu verlieren; denn der Vers tr\u00e4gt das alles, er h\u00e4lt die Aufmerksamkeit des Lesers (oder eher: des H\u00f6rers?!) fest durch seinen immer gleichen Aufbau, der aber doch jedesmal leicht anders gestaltet ist. Wiederholung und Abwandlung der Wiederholung: damit ist viel zu erreichen! Ich h\u00e4nge zum Schluss noch einen kleinen Absatz aus der &#8222;6. Rune&#8220; an, das zu verdeutlichen; und empfehle die Kalevala f\u00fcr lange Winterstunden. Es lohnt sich! Im n\u00e4chsten Beitrag geht es dann aber wieder mit Vierhebern neuerer, deutscher Dichter weiter.<\/p>\n<p>Inhaltlich geht es darum, dass jemand mit Pfeil und Bogen auf seinen Feind wartet, der irgendwann auftauchen muss:<\/p>\n<p>Lange wartet er auf V\u00e4in\u00f6,<br \/>\nlauert lange unerm\u00fcdlich,<br \/>\nsogar sitzend an dem Fenster,<br \/>\nsp\u00e4hend um die Speicherecke,<br \/>\nhorchend an des Triftwegs Ausgang,<br \/>\nwachsam blickend \u00fcbers Blachfeld,<br \/>\nK\u00f6cher voller Pfeil am R\u00fccken,<br \/>\nunterm Arm den guten Bogen.<br \/>\nSp\u00e4het dann noch weiter drau\u00dfen,<br \/>\nan dem andren Hause dr\u00fcben,<br \/>\nan der Feuerspitze Ende,<br \/>\nan der Feuerlandzung H\u00f6hlung,<br \/>\ndicht am feur&#8217;gen Wasserfalle,<br \/>\nan des heil&#8217;gen Stromes Strudel.<\/p>\n<p>Und der Leser wartet mit. Bis dann schlie\u00dflich, &#8222;Eines sch\u00f6nen Tags geschah es, \/ Einem Morgen unter andren&#8220;,\u00a0 der Gesuchte reitend in Sicht kommt &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Art und Weise, wie ungereimte, gereihte troch\u00e4ische Vierheber in der deutschen Dichtung gebraucht werden, speist sich aus drei verschiedenen Einfl\u00fcssen. Der erste ist der Einfluss der Antike, die \u00dcbersetzung und Nachahmung der &#8222;Lieder Anakreons&#8220;; davon war hier\u00a0 schon die Rede. Der zweite ist der Einfluss spanische Romanzendichtung; davon wird hier noch die Rede sein&#8230;. <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=63\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (6)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-63","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=63"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63\/revisions\/65"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=63"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=63"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=63"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}