{"id":6337,"date":"2016-06-27T00:49:56","date_gmt":"2016-06-26T22:49:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=6337"},"modified":"2016-06-27T00:57:48","modified_gmt":"2016-06-26T22:57:48","slug":"die-begruendung-der-form","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=6337","title":{"rendered":"Die Begr\u00fcndung der Form"},"content":{"rendered":"<p>Sophie Bernhardi, sp\u00e4ter Sophie von Knorring, hie\u00df als M\u00e4dchen noch Sophie Tieck und war die Schwester von Ludwig und Friedrich Tieck. Auch sie hat sich schriftstellerisch bet\u00e4tigt und, zum Beispiel, den mittelalterlichen Text &#8222;Flore und Blancheflur&#8220; nachgedichtet. In ihrer &#8222;Vorrede&#8220; begr\u00fcndet sie auch die Wahl der verwendeten Form:<\/p>\n<p><em>Statt der h\u00f6chst erm\u00fcdenden kurzen Verse mit aufeinander folgenden Reimen, welche nicht die mindeste Kunst erfordern, habe ich die italienische Form der &#8222;Ottave rime&#8220; gew\u00e4hlt, die sich durch den Charakter k\u00fcnstlerischer Bildung, den sie an sich tragen, vorz\u00fcglich f\u00fcr das erz\u00e4hlende Gedicht eignen, und mir ganz besonders zweckm\u00e4\u00dfig f\u00fcr &#8222;Flore und Blanscheflur&#8220; schienen, weil durch die dreimal abwechselnden Reime sich in der Form schon eine gewisse Z\u00e4rtlichkeit ausdr\u00fcckt, die in den beiden Schlussreimen gleichsam eine sanfte Befriedigung findet. Ich glaube nicht, dass man mich um dieser Behauptung willen des Mystizismus beschuldigen wird, ob man gleich in der neuesten Zeit diesen Vorwurf oft sonderbar missbraucht hat, denn ich glaube, dass die Alten die Poesie deswegen die Sprache der G\u00f6tter nannten, und dass S\u00e4nger und Dichter gleichbedeutend sind, weil die Poesie die Musik, welche in jeder Sprache sich befindet, vorherrschend macht, und wie die Musik z\u00e4rtlich, and\u00e4chtig, flehend, z\u00fcrnend, kriegerisch, triumphierend sein kann: so, ohne Frage, auch die Poesie, und zwar nicht allein dem Geiste und Worte nach, sondern auch in der Form; und deshalb glaube ich keineswegs, dass es gleichg\u00fcltig ist, welche Form der Poesie gew\u00e4hlt wird, um diese verschiedenen Empfindungen auszudr\u00fccken.<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube, sie hat falsch gew\u00e4hlt &#8211; die &#8222;h\u00f6chst erm\u00fcdenden kurzen Verse&#8220; tragen die Geschichte viel besser als ihre ausschweifenden, oft reichlich aufgef\u00fcllt wirkenden Stanzen; aber darauf kommt es nicht an, sondern auf die Begr\u00fcndung an sich! Denn die Frage nach der Form stellt sich ja auch heute noch, bei jedem Text; und dabei die schon gegebenen Antworten zu \u00fcberdenken, hilft da immer weiter.<\/p>\n<p>Eine Beispielstanze noch, ziemlich vom Anfang des ersten Gesangs:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der h\u00f6chste Preis war eine gold&#8217;ne Krone,<br \/>\nWorin viel Stein&#8216; und edler Schmuck gewoben;<br \/>\nDem sollt&#8216; sie reichen meine Hand zum Lohne,<br \/>\nDen alle als den w\u00fcrdigsten erproben &#8211;<br \/>\nSo ruht sie neben meinem reichen Throne,<br \/>\nAuf den ich war vor aller Welt erhoben,<br \/>\nUmgeben von den allersch\u00f6nsten Frauen,<br \/>\nDie mit mir auf die Ritter niederschauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sophie Bernhardi, sp\u00e4ter Sophie von Knorring, hie\u00df als M\u00e4dchen noch Sophie Tieck und war die Schwester von Ludwig und Friedrich Tieck. 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