{"id":634,"date":"2014-01-22T01:12:52","date_gmt":"2014-01-21T23:12:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=634"},"modified":"2014-02-09T16:24:07","modified_gmt":"2014-02-09T14:24:07","slug":"634","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=634","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (4)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Friedrich Gottlieb Klopstocks &#8222;Messias&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Eine Reise zum Beginn des deutschen Hexameters also, denn vor Klopstock gab es eigentlich nur einige wenige zu Vorf\u00fchrungszwecken geschriebene Verse dieser Art. Dann aber geschah etwas wirklich Erstaunliches: Ein gerade mal Zwanzigj\u00e4hriger fasst den Plan, ein riesiges Epos zu schreiben, und das in einem Vers, den zuvor niemand benutzt hat. Und er schreibt Tausende davon, und das Epos erscheint, und die literarische Welt ist verbl\u00fcfft, hingerissen, angeekelt, auf jeden Fall bewegt; und danach ist nichts mehr in der deutschen Dichtersprache, wie es vorher war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sing, unsterbliche Seele, der s\u00fcndigen Menschen Erl\u00f6sung<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So lautet der erste Vers. Wer ermessen m\u00f6chte, was Klopstock geleistet hat, kann ja mal Gedichte aus den 1730er Jahren vergleichen mit solchen von 1770; die Unterschiede sind einfach gewaltig, und angeschoben hat sie Klopstock.<\/p>\n<p>Nach Klopstocks Tod l\u00e4sst Johann Gottfried Herder Klopstock selbst in einem Nachruf sagen:<\/p>\n<p><em>Was k\u00fcmmerts mich, wof\u00fcr ihr meinen Messias haltet? Was er wirken sollte, hat er gewirkt und wird es wirken; n\u00e4chst Luthers Bibel\u00fcbersetzung bleibt er euch das erste klassische Buch eurer Sprache.<\/em><\/p>\n<p>Und da \u00fcbertreibt Herder keineswegs &#8230; Was Klopstock aber nicht vor dem unsch\u00f6nen Schicksal bewahrte, schon zu Lebzeiten als veraltet in Vergessenheit zu geraten: Die von ihm angesto\u00dfenen Ver\u00e4nderungen hatten sich schnell verselbstst\u00e4ndigt, und heute ist der &#8222;Messias&#8220; eigentlich unlesbar. Ich f\u00fcge aber trotzdem ein paar Verse an aus der Erstausgabe von 1748, einfach weil ich mal die Einsch\u00e4tzung eines Fachmann dazu vorstellen m\u00f6chte, der Klopstocks Hexameter an diesem Beispiel beschreibt. Aus dem ersten Gesang:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterdes war der Seraph zur \u00e4u\u00dfersten Grenze des Himmels<br \/>\nAufw\u00e4rts gestiegen. Hier f\u00fcllen nur Sonnen den heiligen Umkreis.<br \/>\nHell, gleich einem vom Lichte gewebten \u00e4therischen Vorhang<br \/>\nZieht sich ihr Glanz um den Himmel herum. Kein dunkler Planete<br \/>\nNaht sich des Himmels verderbendem Blick. Entfliehend und ferne<br \/>\nGeht die bew\u00f6lkte Natur vor\u00fcber; die Erden fliehn mit ihr<br \/>\nKlein und unmerkbar dahin, wie unter dem Fu\u00dfe des Wandrers<br \/>\nNiedriger Staub, von Gew\u00fcrmen bewohnt, aufwallet und hinsinkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Friedrich Georg J\u00fcnger schreibt dazu in &#8222;Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht&#8220; (1987 bei Klett-Cotta erschienen und ein empfehlenswertes B\u00e4ndchen!) auf Seite 122:<\/p>\n<p><em>Dieses St\u00fcck ist f\u00fcr die ersten Ges\u00e4nge des Messias bezeichnend, wo der Hexameter eine jugendliche, leichtere Bewegung hat als in den sp\u00e4teren Ges\u00e4ngen. Wir merken den eilenden, daktylischen Gang des Hexameters, der die Troch\u00e4en nur mitnimmt. Die Bewegung ist derart, dass sie die ruhenden Eindr\u00fccke aufl\u00f6st, den plastischen Satz entk\u00f6rpert und gleichsam im Fliehen Licht streut. Satzende und Versende meiden sich. Die Vokalit\u00e4t ist leicht, der Vers hat keinen starken Umriss. Zwei der Verse sind ohne Z\u00e4suren, wie das bei Klopstock h\u00e4ufiger vorkommt. Obwohl der schlechte Troch\u00e4us im letzten Vers in die Z\u00e4sur f\u00e4llt, beh\u00e4lt der Vers, als Nachahmung einer Bewegung, einen gewissen Reiz. Der Begriff des Erhabenen, den wir durch solche Verse erhalten, ist ein unendlicher, ewiger; er entstammt nicht der Anschauung von K\u00f6rpern, sondern dem Gef\u00fchl f\u00fcr zeitlose, unermessliche R\u00e4ume.<\/em><\/p>\n<p>So wortgewaltig kann man also \u00fcber metrische Fragen schreiben &#8230; Na ja, jeder m\u00f6ge das mit seinem eigenen Eindruck vergleichen; ich merke nur noch an, dass der letzte Vers f\u00fcr mich mehr als einen &#8222;gewissen Reiz&#8220; hat:<\/p>\n<p><strong>Nie<\/strong>driger \/ <strong>Staub<\/strong>, von Ge- \/ <strong>w\u00fcr<\/strong>men be- \/ <strong>wohnt<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <span style=\"color: #008000\">auf-<\/span> \/ <strong>wal<\/strong>let und \/ <strong>hin<\/strong>sinkt.<\/p>\n<p>Eigentlich hat Klopstock mit dem &#8222;-wohnt auf-&#8220; eine antike rhythmische Einheit nachgebildet, den &#8222;Spondeus&#8220;; sprich, die beiden Silben der Einheit sind nicht &#8222;betont, unbetont&#8220;, sondern eher &#8222;betont, betont&#8220;, wodurch man hier drei schwere Silben nacheinander spricht, was einfach wunderbar zum Inhalt passt. Bitte selbst versuchen! Dann kommt gleich noch mal etwas \u00e4hnliches mit dem &#8222;hinsinkt&#8220;, und der Vers hat dadurch unglaublich viel Kraft und Leben; jedenfalls in <em>meinen<\/em> Ohren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich Gottlieb Klopstocks &#8222;Messias&#8220; Eine Reise zum Beginn des deutschen Hexameters also, denn vor Klopstock gab es eigentlich nur einige wenige zu Vorf\u00fchrungszwecken geschriebene Verse dieser Art. 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