{"id":6423,"date":"2016-07-18T00:15:46","date_gmt":"2016-07-17T22:15:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=6423"},"modified":"2016-08-04T01:26:01","modified_gmt":"2016-08-03T23:26:01","slug":"schillers-sonette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=6423","title":{"rendered":"Schillers Sonette (1)"},"content":{"rendered":"<p>N\u00e4me man den Titel dieses Eintrags w\u00f6rtlich, bliebe nicht viel zu sagen, denn: Friedrich Schiller hat keine Sonette geschrieben. Aber andererseits ist ein Sonett auch nur ein Spezialfall der Kanzonenform, die vorliegt, wenn der Anfang des Gedichts noch einmal wiederholt wird, ehe sich daran ein in Metrum und Reim abgewandelter dritter Teil anschlie\u00dft, der im allgemeinen l\u00e4nger als einer der ersten beiden Teile ist, aber k\u00fcrzer als beide zusammen. Das gibt eine wunderbar ausgeglichene Form, und das Sonett ist in der Tat ein Beispiel daf\u00fcr, wie schon sein Reimschema zeigt: abba &#8211; abba &#8211; cdecde (dass es sich eingeb\u00fcrgert hat, die letzten sechs Verse noch einmal durch eine Leerzeile in zwei Dreierbl\u00f6cke zu trennen, \u00e4ndert am eigentlichen Aufbau nichts!).<\/p>\n<p>Sucht man bei Schiller nun nach solchen A-A-B-St\u00fccken, also Gedichten in Kanzonenform, wird man sehr wohl f\u00fcndig! &#8222;An die Freunde&#8220; zum Beispiel hat f\u00fcnf Strophen, von denen die letzte so lautet:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gr\u00f6\u00dfres mag sich anderswo begeben<br \/>\nAls bei uns in unserm kleinen Leben;<br \/>\nNeues \u2013 hat die Sonne nie gesehn.<br \/>\nSehn wir doch das Gro\u00dfe aller Zeiten<br \/>\nAuf den Brettern, die die Welt bedeuten,<br \/>\nSinnvoll still an uns vor\u00fcbergehn.<br \/>\nAlles wiederholt sich nur im Leben,<br \/>\nEwig jung ist nur die Phantasie;<br \/>\nWas sich nie und nirgends hat begeben,<br \/>\nDas allein veraltet nie!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Silbenbild sieht die bei &#8222;An die Freunde&#8220; verwendete Strophe so aus &#8211; die drei Teile sind der besseren \u00dcbersicht wegen durch eine Leerzeile getrennt:<\/p>\n<p>X x \/ X x \/ X x \/ X x \/ X x\u00a0\u00a0 <strong>a<\/strong><br \/>\nX x \/ X x \/ X x \/ X x \/ X x\u00a0\u00a0 <strong>a<\/strong><br \/>\nX x \/ X x \/ X x \/ X x \/ X \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>b<\/strong><\/p>\n<p>X x \/ X x \/ X x \/ X x \/ X x\u00a0\u00a0 <strong>c<\/strong><br \/>\nX x \/ X x \/ X x \/ X x \/ X x\u00a0\u00a0 <strong>c<\/strong><br \/>\nX x \/ X x \/ X x \/ X x \/ X \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>b<\/strong><\/p>\n<p>X x \/ X x \/ X x \/ X x \/ X x\u00a0\u00a0 <strong>d<\/strong><br \/>\nX x \/ X x \/ X x \/ X x \/ X \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>e<\/strong><br \/>\nX x \/ X x \/ X x \/ X x \/ X x\u00a0 <strong>d<\/strong><br \/>\nX x \/ X x \/ X x \/ X\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>e<\/strong><\/p>\n<p>Ein A-A-B, wie es im Buche steht &#8230; Der Vers ist der f\u00fcnfhebige Troch\u00e4us, im Schlussvers auf vier Hebungen verk\u00fcrzt; der <strong>b<\/strong>-Reim verbindet die beiden A-Dreizeiler, der Kreuzreim mit g\u00e4nzlich neuen Reimen und dem verk\u00fcrzten Vers ist die \u00c4nderung in Metrum und Reim, die den B-Teil ausmacht; der ist l\u00e4nger als ein einzelner A-Teil, aber k\u00fcrzer als beide A-Teile zusammen.<\/p>\n<p>Das angegebene Reimschema ist dabei das der ersten vier Strophen, also der &#8222;Normalfall&#8220;; hier, in der f\u00fcnften und letzten Strophe, nimmt Schiller allerdings den Anfangsreim (sogar, passend zum Inhalt von V7, mit den gleichen Reimw\u00f6rtern!) im dritten Teil noch einmal auf, so dass ein <strong>aab<\/strong> &#8211; <strong>ccb<\/strong> &#8211; <strong>adad<\/strong> entsteht!<\/p>\n<p>Diese Strophe k\u00f6nnte auch gut f\u00fcr sich stehen, wie ein Sonett; es ist Gedankendichtung, die sich auch wie ein Sonett gliedert: In V1-V3 wird ein Gedanke vorgestellt, in V4-V6 ausgef\u00fchrt, in V7-V10 eine aus ihm gewonnene Erkenntnis ausgesprochen.<\/p>\n<p>Wer mag, kann es Schiller nachtun und seine eigene Kanzonenform basteln, sein eigenes Sonett, wenn man so will; die Bausteine daf\u00fcr liegen in k\u00fcrzeren Strophen bereit, auch Schiller hat sich da nichts eigentlich neues einfallen lassen; den schlie\u00dfenden Vierheber hat er zum Beispiel schon in jungen Jahren in der (elendig langen) Allegorie &#8222;Der Venuswagen&#8220; gebraucht:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ihr in das Eis der Bonzentr\u00e4ne<br \/>\nEures Herzens geile Flammen mummt,<br \/>\nPharis\u00e4er mit des Janus Miene!<br \/>\nTretet n\u00e4her &#8211; und verstummt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ersten sechs Verse sind eine Schweifreimstrophe,\u00a0 die Schiller gleichfalls schon in seinen ersten, scheu\u00dflich pathetischen Gedichten benutzt hat &#8211; aus der &#8222;Trauerode&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf des Menschen kaltem, starrem Rumpfe<br \/>\nSterben seine wirbelnden Triumphe,<br \/>\nR\u00f6cheln all in ein Gewimmer aus &#8211;<br \/>\nGl\u00fcck und Ruhm zerflattern auf dem Sarge,<br \/>\nK\u00f6nige und Bettler, Feige, Starke<br \/>\nZiehn hinunter in das Totenhaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und zusammen, wie gesehen: Bilden diese k\u00fcrzeren Strophen einen kanzonenartigen Zehnzeiler.\u00a0 Also, einfach umsehen, den eigenen Vorlieben gem\u00e4\u00df ausw\u00e4hlen und zusammenstellen &#8211; und dann mit Inhalt f\u00fcllen!<\/p>\n<p>(Man kann aber auch, aus Spa\u00df und Neugier, Schillers Strophe nutzen. <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/2016\/07\/09\/das-koenigreich-von-sede-93\/\">Das K\u00f6nigreich von Sede (93)<\/a> zum Beispiel tut das, und auch da\u00a0 gibt es eine leichte Abwandlung bei den Reimen &#8230;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>N\u00e4me man den Titel dieses Eintrags w\u00f6rtlich, bliebe nicht viel zu sagen, denn: Friedrich Schiller hat keine Sonette geschrieben. Aber andererseits ist ein Sonett auch nur ein Spezialfall der Kanzonenform, die vorliegt, wenn der Anfang des Gedichts noch einmal wiederholt wird, ehe sich daran ein in Metrum und Reim abgewandelter dritter Teil anschlie\u00dft, der im&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=6423\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Schillers Sonette (1)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-6423","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6423","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6423"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6423\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6525,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6423\/revisions\/6525"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6423"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6423"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6423"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}