{"id":656,"date":"2014-01-24T01:27:33","date_gmt":"2014-01-23T23:27:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=656"},"modified":"2014-01-24T01:28:52","modified_gmt":"2014-01-23T23:28:52","slug":"656","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=656","title":{"rendered":"B\u00fccher zum Vers (11)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Friedhelm Kemp: Das europ\u00e4ische Sonett. (Zwei B\u00e4nde)<\/strong><\/p>\n<p>Diese beiden B\u00fccher sind f\u00fcr alle, die sich ernsthaft mit dem Sonett besch\u00e4ftigen, ein absolutes Muss. Aber auch f\u00fcr die mit mildem Interesse am Sonett lohnt sich die Besch\u00e4ftigung mit &#8222;Das europ\u00e4ische Sonett&#8220;, weil das Sonett bis auf einige &#8222;Trockenzeiten&#8220; immer in der europ\u00e4ischen Literatur gegenw\u00e4rtig war und sich \u00fcber die Kapitel hinweg so auch eine Art europ\u00e4ische Literaturgeschichte entfaltet.<\/p>\n<p>Offiziell l\u00e4uft das Werk unter der Flagge der &#8222;M\u00fcnchner Universit\u00e4tsschriften&#8220;, aber das Kemp keinen wissenschaftlichen Ton pflegt, wird schon in seiner Einleitung klar, wo es etwa hei\u00dft:<\/p>\n<p><em>Wir m\u00fcssen dem Gedicht nicht nur einen Mund, wir m\u00fcssen ihm Augen einsetzen, von denen wir uns angeblickt f\u00fchlen. Nun, das ist eine Metapher, eine gef\u00e4llig unverbindliche, wird man mir entgegenhalten. Aber man versuche einmal, gleichsam als magischen Akt, sich einem Gedicht wie einem Gesicht auszusetzen. Man vergesse, verjage das sogenannte &#8222;lyrische Ich&#8220;: setze das Gedicht vor sich auf einen Stuhl &#8211; einen Thron oder einen Schemel, gleichviel &#8211; sich gegen\u00fcber als Freund, als Bruder, als Geliebte; \u00fcber sich als einen Richter; setze sich ihm aus, pr\u00e4ge es sich ein, Wort f\u00fcr Wort, Satz f\u00fcr Satz, Bild f\u00fcr Bild, als d\u00fcrfe man es nicht vergessen, als g\u00e4be es jetzt &#8211; und immer wieder &#8211; nur dieses eine Gedicht einem gegen\u00fcber und auch schon in einem, als etwas Sch\u00f6nes, etwas Forderndes, etwas, das einen angeht, heute, morgen und immer wieder.<\/em><\/p>\n<p>Langweilig zu lesen ist Kemps Werk also schon einmal nicht. In den einzelnen Kapiteln stellt er dann verschiedenste Sonettisten und ihre Gedichte vor, grob an der Zeitlinie ausgerichtet. Ziemlich am Anfang steht dabei Dante Alighieri. Kemp:<\/p>\n<p><em>Die erste entscheidende und bis zu uns hin lebendige Gestalt in der Geschichte des Sonetts ist Dante Alighieri, der 1265 in Florenz geboren wurde und 1321 als Exilant in Ravenna starb. Seine &#8222;Vita Nova&#8220;, die in ihrer Endfassung als ein Werk des Achtunszwanzigj\u00e4hrigen um 1293 entstanden sein d\u00fcrfte, dieses &#8222;Neue Leben&#8220; pr\u00e4sentiert sich uns als erste durchkomponierte Sammlung von Sonetten und als eine quasi autobiographische Novelle. Das hat nicht zu untersch\u00e4tzende Folgen bis in unsere Zeit gehabt.<\/em><\/p>\n<p>Trockener und informationslastiger wird der Text aber nie. Auf den 28 Seiten des Dante-Kapitels werden stattdessen Sonette Dantes ausgebreitet samt verschiedener \u00dcbersetzungen und Kommentare, sowohl von Kemp als auch von fr\u00fcheren Schreibern. Ich denke, ich h\u00e4nge noch eines dieser Sonette an. Wieder Kemp:<\/p>\n<p><em>Im 25. Kapitel<\/em> [der &#8222;Vita Nova&#8220;] <em>schildert Dante, wie Beatrice<\/em> [Dantes &#8222;Herrin&#8220;] <em>ihm in Begleitung einer anderen Dame, der Herrin eines seiner Freunde, und noch des \u00f6fteren auf der Stra\u00dfe begegnet. &#8222;Jene holdseligste Frau schritt einher, bekr\u00e4nzt und gekleidet mit Demut. Und es sagten ihrer viele, wenn sie vor\u00fcbergegangen war: &#8218;Dies ist kein Weib, sondern der sch\u00f6nsten Engel einer des Himmels.&#8216; Und andere sagten: &#8218;Diese ist ein Wunderwerk. Gepriesen sei der Herr, der solche Wunder zu wirken wei\u00df!&#8216; Solche wundersame Macht ging von ihr aus, dass ich den Griffel wieder aufnahm, dieses Sonett zu machen zu ihrem Preise, welches anhebt Tanto gentil e tanto onesta pare &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Dann folgt erst der Original-Text von Dante &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tanto gentil e tanto onesta pare<br \/>\nla donna mia quand&#8217;ella altrui saluta,<br \/>\nch&#8217;ogne lingua deven tremando muta,<br \/>\ne li occhi no l&#8217;ardiscon di guardare.<\/p>\n<p>Ella si va, sentendosi laudare,<br \/>\nbenignamente d&#8217;umilta&#8216; vestuta;<br \/>\ne par che sia una cosa venuta<br \/>\nda cielo in terra a miracol mostrare.<\/p>\n<p>Mostrasi si&#8216; piacente a chi la mira,<br \/>\nche da&#8216; per li occhi una dolcezza al core,<br \/>\nche &#8217;ntender non la puo&#8216; chi no la prova;<\/p>\n<p>e par che de la sua labbia si mova<br \/>\nuno spirito soave pien d&#8217;amore,<br \/>\nche va dicendo a l&#8217;anima: Sospira.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8230; und dann die wunderbare deutsche \u00dcbersetzung, die Hugo Friedrich in seinen &#8222;Epochen der italienischen Lyrik&#8220; vorstellt (auch ein sehr empfehlenswertes Buch!):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So edel und so heilig rein erscheint<br \/>\nDie Herrin mein all denen, die sie gr\u00fc\u00dft,<br \/>\nDass jede Zunge zittert und verstummt<br \/>\nUnd sich kein Aug&#8216; auf sie zu richten wagt.<\/p>\n<p>Sie geht vor\u00fcber, h\u00f6rt sich ringsum r\u00fchmen<br \/>\nUnd ist in Demut eingeh\u00fcllt und G\u00fcte.<br \/>\nEin Wesen scheint sie, das vom Himmel kam,<br \/>\ndamit auf Erden sie ein Wunder weise.<\/p>\n<p>Sie weist so lieblich sich dem Schauenden,<br \/>\nDass S\u00fc\u00dfe durch sein Aug&#8216; ins Herze dringt,<br \/>\nDie, wer sie nie erfuhr, auch nie begreift.<\/p>\n<p>Und&#8217;s ist, als ob von ihrer Lippe her<br \/>\nEin Hauch sich regte, leise, reich an Liebe,<br \/>\nUnd zu der Seele spr\u00e4che: Sehne dich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Besonderen das letzte Terzett ist einfach herrlich. Hier l\u00e4sst sich Kemp dann noch \u00fcber Querbez\u00fcge zu anderen Gedichten aus oder \u00fcber die Beziehung von &#8222;Spirito&#8220; und &#8222;Sospira&#8220;, aber dazu schweige ich jetzt mal; ich denke, ein Eindruck sollte da sein.<\/p>\n<p>Wer sich nun f\u00fcr dieses Buch interessiert &#8211; &#8222;googlebooks&#8220; hat es ins Netz geholt, zum gro\u00dfen Teil wenigstens; wer mag, kann also schon mal ein wenig probelesen. Erschienen sind die beiden sch\u00f6n gemachten B\u00e4nde Kemps im Jahre 2002 im Wallstein Verlag!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedhelm Kemp: Das europ\u00e4ische Sonett. (Zwei B\u00e4nde) Diese beiden B\u00fccher sind f\u00fcr alle, die sich ernsthaft mit dem Sonett besch\u00e4ftigen, ein absolutes Muss. 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