{"id":6588,"date":"2016-08-19T06:12:51","date_gmt":"2016-08-19T04:12:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=6588"},"modified":"2016-08-19T18:24:56","modified_gmt":"2016-08-19T16:24:56","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-56","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=6588","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (56)"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Armut, Reichtum, Schuld und Bu\u00dfe der Gr\u00e4fin Dolores. Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fr\u00e4ulein, aufgeschrieben von Ludwig Achim von Arnim&#8220;, oder kurz: &#8222;Gr\u00e4fin Dolores&#8220; ist ein Roman, den man heute nicht mehr unbedingt kennen muss, der aber eine gro\u00dfe Menge von eigestreuten Verspassagen enth\u00e4lt und von daher zumindest einem Verserz\u00e4hler durchaus einen Blick wert ist!<\/p>\n<p>Die dabei verwendeten Versarten sind zahlreich; die recht umfangreiche &#8222;Geschichte des Mohrenjungen&#8220; zum Beispiel ist in ungereimten troch\u00e4ischen Vierhebern geschrieben. Ein Teil dieser Geschichte ist ein Brief, &#8222;Die \u00c4btissin an den Herzog&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bruder, Du hast mich verschlossen<br \/>\nIn dem alten Fr\u00e4uleinstifte,<br \/>\nUm die Ausstattung zu sparen,<br \/>\nSamt und Hafer, und das Wei\u00dfbrot,<br \/>\nVon den St\u00e4nden mir geschenket.<br \/>\nSieh, zur Strafe von dem Himmel<br \/>\nBist Du ohne Kind geblieben,<br \/>\nDas er mir zur Straf&#8216; bescheret;<br \/>\nDoch es stammt von einem Helden,<br \/>\nAlso wird&#8217;s ein Held auch werden,<br \/>\nDarum seid geneigt dem Rate,<br \/>\nDen ich Euch in Demut gebe.<br \/>\nEuer Reich f\u00e4llt heim den Fremden,<br \/>\nUnd mein armes Kind muss sterben,<br \/>\nUnd ich geh&#8216; in Schand&#8216; verloren,<br \/>\nWenn Ihr diesem Rat nicht folget,<br \/>\nNicht mein Kind, in Schuld empfangen,<br \/>\nMild zu Eurem Kind annehmet.<br \/>\nEure Frau, die Herzoginne,<br \/>\nMuss sich stellen guter Hoffnung,<br \/>\nUnd ich komme dann im Schlosse<br \/>\nHeimlich nieder: Gott wird helfen!<br \/>\nUnd mein Kindlein wird getragen<br \/>\nHeimlich zu der Herzoginne,<br \/>\nAls ob sie es h\u00e4tt&#8216; geboren.<br \/>\nDenkt dar\u00fcber nach in Liebe,<br \/>\nUnd dann seid Ihr \u00fcberzeuget,<br \/>\nF\u00fchlet recht den Willen Gottes,<br \/>\nWie er B\u00f6ses gut hier mache,<br \/>\nSo verzeihet der \u00c4btissin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Das fasst die zuvorige Handlung in etwa zusammen; die \u00c4btissin hat sich eines Nachts jemandem im Garten hingegeben, von dem sie annahm, es w\u00e4re ein ihr seit Jugendtagen vertrauter Offizier gewesen. Der war es aber <em>nicht<\/em>, wie sich zeigt &#8211; der vorgeschlagene Plan wird umgesetzt, und:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Endlich seht das gro\u00dfe Zeichen<br \/>\nIn den tiefen n\u00e4cht&#8217;gen Stunden,<br \/>\nUnd der Marschall mit dem Schnupftuch<br \/>\nWinket zweimal aus dem Fenster,<br \/>\nVon den Fackeln wohlbeleuchtet.<br \/>\nAlso ist ein Prinz geboren,<br \/>\nUnd die Kanoniere schie\u00dfen,<br \/>\nDass die Scheiben aus den Fenstern,<br \/>\nMenschen aus den T\u00fcren fliegen;<br \/>\nUnd es gibt ein frohes Jauchzen,<br \/>\nDass die Fr\u00f6sche in dem Teiche<br \/>\nNicht alleine n\u00e4chtlich singen.<br \/>\nAls das Wappen eingebrennet<br \/>\nUnserm Prinzen an den H\u00fcften,<br \/>\nDass man ihn nicht m\u00f6g&#8216; vertauschen,<br \/>\nMerkt man eine eigne Farbe<br \/>\nIn der Haut, die schwer zu nennen;<br \/>\nDoch das ist gar oft an Kindern,<br \/>\nDie erst neu zur Welt gekommen,<br \/>\nEins ist gr\u00fcn, das andre bl\u00e4ulich,<br \/>\nDas vergeht in wenig Wochen.<br \/>\nAls die Gl\u00fcckw\u00fcnschung empfangen,<br \/>\nUnd die Taufe ist verrichtet,<br \/>\nUnd noch vierzehn Tage sp\u00e4ter<br \/>\nDauert unsers Herzogs Freude.<br \/>\nDoch da wird der Prinz viel schw\u00e4rzer<br \/>\nAls des Herzogs Tintenfinger,<br \/>\nDen er braucht zum Unterzeichnen,<br \/>\nUnd der Herzog sieht mit Schrecken,<br \/>\nDass es sei ein Mohrenjunge,<br \/>\nWas noch keiner von den \u00c4rzten<br \/>\nHat gewagt, ihm zu verk\u00fcnden.<br \/>\nUnd der Herzog will verzweifeln,<br \/>\nBei\u00dfet sich auf seinen Finger<br \/>\nUnd der schmecket gar nach Tinte;<br \/>\nUnd die Herzogin erbo\u00dfet,<br \/>\nDass ihr guter Ruf k\u00f6nnt leiden,<br \/>\nW\u00fctet ein auf die Prinzessin, \u2013<br \/>\nDoch es muss verheimlicht werden.<br \/>\nTraurend wird des Thrones Erbe<br \/>\nBei dem Volke tot gesaget,<br \/>\nUnd ein Affe wird geschlachtet<br \/>\nVon den beiden flinken \u00c4rzten,<br \/>\nWohlrasiert und angezogen,<br \/>\nMit dem Myrtenkranz und Degen,<br \/>\nIn ein kleines Sarg geleget,<br \/>\nSchwach beleuchtet ausgestellet,<br \/>\nUnd mit gro\u00dfem Leichenzuge<br \/>\nBeigesetzt in der Kapelle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ganze Geschichte hat einen etwas unernsten und bisweilen mutwilligen Tonfall, in dieser Hinsicht Karl Immermanns vor einigen Tagen unter <strong>(55)<\/strong> erw\u00e4hnten &#8222;Tulif\u00e4ntchen&#8220; durchaus vergleichbar; allerdings hat Immermann im Vergleich zu Arnim die besseren Verse geschrieben!<\/p>\n<p>Arnims Vierheber wirken auf mich nicht m\u00fchlelos, sondern eher so, als h\u00e4tte er auf das Schreiben keine M\u00fche verwendet. Der Vers tritt gegen\u00fcber dem Satz stark zur\u00fcck, und da, wo sein Einfluss h\u00f6rbar wird, ist es oft zum Schlechten, etwa, wenn nicht nur vor einem Vokal, sondern auch vor einem Konsonanten ein schwaches &#8222;e&#8220; abgeworfen wird: &#8222;Straf&#8216; bescheret&#8220;, &#8222;m\u00f6gt&#8216; vertauschet&#8220;. Derlei ist in Reimversen h\u00e4ufiger zu h\u00f6ren und gef\u00e4llt mir auch da schon nicht recht, ist aber in ungereimten &#8222;Bewegungsversen&#8220; noch deutlich unangenehmer!?<\/p>\n<p>Andererseits bekommt der Text gerade so den mutwilligen, eigenen Ton; und man darf auch nicht vergessen, dass diese Geschichte bei aller L\u00e4nge innerhalb eines umfangreichen Prosatextes steht.<\/p>\n<p>Also, lesbar sind diese Vierheber auch in der Menge allemal, und auch die Geschichte geht, ganz am Ende, gut aus, als es vom Herzog (&#8222;er&#8220;) und vom Mohrenjungen hei\u00dft:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kl\u00fcglich nimmt er an den Jungen,<br \/>\nSich zum Hof- und Staatspropheten,<br \/>\nDass er ihm die Krone halte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Armut, Reichtum, Schuld und Bu\u00dfe der Gr\u00e4fin Dolores. 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