{"id":663,"date":"2014-01-25T01:49:04","date_gmt":"2014-01-24T23:49:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=663"},"modified":"2014-01-25T02:05:21","modified_gmt":"2014-01-25T00:05:21","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=663","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (6)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Goethe verbessert<\/strong><\/p>\n<p>Goethe hat ein Weilchen gebraucht, bis er den Hexameter wirklich beherrschte. 1785 wurde er durch Herders \u00dcbersetzungen aus der &#8222;Anthologia Graeca&#8220; dazu angeregt, in recht enger Anlehnung an die griechischen Vorbilder selbst einige Epigramme zu schreiben. 1799 hat er diese Epigramme dann anl\u00e4sslich einer erneuten Herausgabe \u00fcberarbeitet. An Schiller schrieb er:<\/p>\n<p><em>Die Epigramme sind, was das Silbenma\u00df betrifft, am liederlichsten gearbeitet und lassen sich gl\u00fccklicherweise am leichtesten verbessern, wobei oft Ausdruck und Sinn mit gewinnt.<\/em><\/p>\n<p>Wie derlei Verbesserungen des Versbaus, die gleichzeitig auch &#8222;Ausdruck und Sinn&#8220; auf die Beine zu helfen verm\u00f6gen, aussahen, zeigt &#8222;Dem Ackermann&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dem Ackersmann (1785)<\/p>\n<p>Eine flache Furche bedeckt den goldenen Samen,<br \/>\nEine tiefere deckt endlich dein ruhend Gebein.<br \/>\nPfl\u00fcge fr\u00f6hlich und s\u00e4e, hier keimet Nahrung dem Leben<br \/>\nUnd die Hoffnung entfernt selbst von dem Grabe sich nicht.<\/p>\n<p>Dem Ackermann (1799)<\/p>\n<p>Flach bedecket und leicht den goldenen Samen die Furche,<br \/>\nGuter! die tiefere deckt endlich dein ruhend Gebein.<br \/>\nFr\u00f6hlich gepfl\u00fcgt und ges\u00e4t! Hier keimet lebendige Nahrung,<br \/>\nUnd die Hoffnung entfernt selbst von dem Grabe sich nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer sind die Verse metrisch nicht zu beanstanden, und trotzdem gefallen mir die beiden Hexameter dieser Distichen in der j\u00fcngeren Fassung wesentlich besser. Der erste Vers hat f\u00fcr mich 1785 einige Probleme, begonnen bei der Z\u00e4sur.<\/p>\n<p>Die ist n\u00e4mlich nicht sonderlich deutlich &#8211; lautet die erste Versh\u00e4lfte nun &#8222;Eine flache Furche&#8220; oder &#8222;Eine flache Furche bedeckt&#8220;?! Ich w\u00fcrde die zweite M\u00f6glichkeit lesen, denn bei &#8222;Eine flache Furche&#8220; fallen Wortgrenzen und die Grenzen der metrischen Einheiten direkt aufeinander:<\/p>\n<p><strong>Ei<\/strong>ne \/ <strong>flach<\/strong>e \/ <strong>Fur<\/strong>che<\/p>\n<p>Dadurch verliert dieser Versteil an Spannung. 1799 hat Goethe diese Schw\u00e4che beseitigt, denn in der ersten Versh\u00e4lfte schneiden sich nun die Wort- \/ Sinneinheiten und die metrischen Einheiten:<\/p>\n<p><strong>Flach<\/strong> be- \/ <strong>deck<\/strong>et und \/ <strong>leicht<\/strong><\/p>\n<p>Die Z\u00e4sur ist nun sehr deutlich. Dadurch, dass Goethe von einer weiblichen Z\u00e4sur (nach einer unbetonten Silbe) bzw., je nach Lesung, von einer Z\u00e4sur in der vierten Einheit auf die m\u00e4nnliche Z\u00e4sur (nach einer betonten Silbe) in der dritten Einheit wechselt, gleicht er den Hexameter dem folgenden Pentameter an, wodurch das erste Verspaar an Geschlossenheit gewinnt.<\/p>\n<p>Auch andere Schw\u00e4chen sind verschwunden! 1785 liegt die erste Hebung auf einem sehr blassen Wort, dem Artikel &#8222;Einem&#8220;. Statt des Artikels steht 1799 ein weiteres &#8222;Sinn-Wort&#8220; in der Hebungsposition (&#8222;leicht&#8220;), das inhaltlich wichtige &#8222;Flach&#8220; er\u00f6ffnet den Vers; durch das &#8222;Flach&#8220; und das &#8222;leicht&#8220; entsteht eine Klammer, die die erste Versh\u00e4lfte heraushebt und &#8222;rund macht&#8220;.<\/p>\n<p>Alt: Die beiden &#8222;ch&#8220; von Flach und Furche folgen direkt aufeinander, was nicht so toll klingt, und der &#8222;F&#8220;-Gleichklang hat auch keinen wirklichen Grund. Neu: Der Vers beginnt mit &#8222;Flach&#8220; und endet mit &#8222;Furche&#8220; &#8211; nun sind diese entscheidenden W\u00f6rter so eingesetzt, dass sie durch ihre Stellung am Anfang und am Ende des Verses auch den Gesamtvers zu einer Einheit machen.<\/p>\n<p>Der zweite Hexameter wird ganz \u00e4hnlich verbessert. In der j\u00fcngeren Fassung ist die erste H\u00e4lfte bis zur Z\u00e4sur wieder lebendiger durch die h\u00f6here Anzahl an Schnitten zwischen &#8222;Wort und Metrum&#8220;:<\/p>\n<p>1785: <strong>Pfl\u00fc<\/strong>ge \/ <strong>fr\u00f6h<\/strong>lich und \/ <strong>s\u00e4<\/strong>e,<\/p>\n<p>1799:<strong> Fr\u00f6h<\/strong>lich ge- \/ <strong>pfl\u00fcgt<\/strong> und ge- \/ <strong>s\u00e4t<\/strong>!<\/p>\n<p>Die erste Versh\u00e4lfte ist runder, k\u00f6rperlicher, klarer; die neue, m\u00e4nnliche Z\u00e4sur leistet auch hier die Angleichung an den folgenden Pentameter. Au\u00dferdem bezieht sich das &#8222;Fr\u00f6hlich&#8220; nun eindeutig aufs Pfl\u00fcgen und S\u00e4en, was ja ein Vorteil ist.<\/p>\n<p>Das ist nun allerdings meine Meinung. Andere denken da anders &#8211; Viktor Hehn etwa war mit dieser \u00c4nderung gar nicht einverstanden:<\/p>\n<p><em>An anderen Stellen aber hat die Sorge f\u00fcr das Metrum die Anmut der sprachlichen Form ins Steife und Gesuchte verkehrt, z.B. wenn es in dem Epigramme &#8222;Dem Ackermann&#8220; statt des fr\u00fcheren &#8222;Pfl\u00fcge fr\u00f6hlich und s\u00e4e&#8220; jetzt hei\u00dft: &#8222;Fr\u00f6hlich gepf\u00fcgt und ges\u00e4t!&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Da ist wohl die Frage, wie man sich zu dem &#8222;imperativisch gebrauchten passiven Partizip&#8220; stellt. Hehn empfand es als Goethe fremd und mehr zu den h\u00e4rteren Versen eines Johann Heinrich Voss geh\u00f6rig:<\/p>\n<p><em>Dies war eine Lieblingswendung des groben Vossischen Stiles, die sich f\u00fcr den Kutscher (Vorgesehen!) oder den Fronvogt (Nicht lange gefeiert!) oder den Schulmeister unter seinen Jungen (das Maul gehalten!) schicken mag, aber mitten in der Grazie der Goethe&#8217;schen Rede wie ein fremder Zusatz auff\u00e4llt.<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Das Maul gehalten!&#8220; Hm.\u00a0 Ich sehe schon, worauf Hehn hinaus will, aber da folge ich ihm nicht &#8211; ich finde, der Vers hat gewonnen, ohne verleugnen zu m\u00fcssen, von Goethe zu sein.<\/p>\n<p>Auch den Versschluss hat Goethe verbessert: Dadurch, dass die &#8222;Nahrung&#8220; ans Ende r\u00fcckt, kann eine Schlusssilbe mit tonlosem &#8222;e&#8220;, wie sie die \u00e4ltere Fassung mit &#8222;Leben&#8220; noch hatte, vermieden werden, und der Vers schwingt mehr aus, als dass er abgew\u00fcrgt wird.<\/p>\n<p>Wie Viktor Hehn schon deutlich machte, muss man dies alles nicht so sehen. Einer aber, dessen Urteil schwer wiegt, zeigte sich zufrieden mit Goethes Ansinnen. Schiller n\u00e4mlich schrieb in seiner Antwort auf den oben angef\u00fchrten Brief Goethes:<\/p>\n<p><em>Zu den prosodischen Verbesserungen in den Gedichten gratuliere ich.<\/em><\/p>\n<p>Und dann f\u00e4hrt er fort mit einem seiner Ausblicke aufs Gro\u00dfe und Ganze&#8230;<\/p>\n<p><em>Es hat mit der Reinheit des Silbenma\u00dfes die eigene Bewandnis, dass sie zu einer sinnlichen Darstellung der inneren Notwendigkeit des Gedankens dient, da im Gegenteil eine Lizenz gegen das Silbenma\u00df eine gewisse Willk\u00fcrlichkeit f\u00fchlbar macht. Aus diesem Gesichtspunkt ist sie ein gro\u00dfes Moment und ber\u00fchrt sich mit den innersten Kunstgesetzen.<\/em><\/p>\n<p>Wie immer bei Schiller muss man das nicht glauben; aber dar\u00fcber nachzudenken lohnt sich allemal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goethe verbessert Goethe hat ein Weilchen gebraucht, bis er den Hexameter wirklich beherrschte. 1785 wurde er durch Herders \u00dcbersetzungen aus der &#8222;Anthologia Graeca&#8220; dazu angeregt, in recht enger Anlehnung an die griechischen Vorbilder selbst einige Epigramme zu schreiben. 1799 hat er diese Epigramme dann anl\u00e4sslich einer erneuten Herausgabe \u00fcberarbeitet. An Schiller schrieb er: Die Epigramme&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=663\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (6)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-663","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/663","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=663"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/663\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":667,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/663\/revisions\/667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=663"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=663"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=663"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}