{"id":67,"date":"2013-12-12T01:16:14","date_gmt":"2013-12-11T23:16:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=67"},"modified":"2013-12-22T13:06:31","modified_gmt":"2013-12-22T11:06:31","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=67","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (7)"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Beitrag m\u00f6chte ich das erste Kapitel von Ludwig Strau\u00df&#8216; Legende &#8222;Mechtildis unter der Buche&#8220; vorstellen.\u00a0 Entnommen habe ich diesen Text dem Band: Ludwig Strau\u00df, Gedichte und Schriften, K\u00f6sel, M\u00fcnchen 1963; dort ist das erste Kapitel auf den Seiten 327-329 zu finden.<\/p>\n<p>Die von immergleicher Trauer<br \/>\nLangsam ging, von immergleichem<br \/>\nTraume lieblich aufgehoben<br \/>\nSinnend schwebte, die Mechtildis,<br \/>\nGuntram v\u00e4terlichen Grimmes<br \/>\nZwang sie aus dem Einsamwandeln,<br \/>\nEinsamsitzen vor den Thron.<\/p>\n<p>Ein Eingangssatz, der mich beeindruckt hat, als ich ihn zum ersten Mal las. Man merkt schon, die &#8222;normale&#8220; Satzstellung ist aufgegeben, auch der Vers macht sein Gewicht gelten. Die f\u00fcr im Vierheber geschriebene Texte kennzeichnenden Wiederholungen von Satzteilen sind gleich am Anfang vertreten. Beispielhaft f\u00fcr die Versbehandlung in diesem Text ist der letzte Vers: Hier endet der Satz, und Strau\u00df schlie\u00dft ihn unter Auslassung einer unbetonten Silbe auf einer betonten Silbe! Die lange Sprechpause nach dem Punkt vertritt dabei die unbetonte Silbe.<\/p>\n<p>&#8222;Einzig Blut, das von mir dauert,<br \/>\nSoll ich zusehn, wie du absiechst,<br \/>\nAufgesogen von der Sonne,<br \/>\nHingenommen von dem Winde,<br \/>\nWolke halb vergehst im Blauen,<br \/>\nHalb verrinnst im toten Sand?<br \/>\nEher rei\u00df ich aus der welken<br \/>\nTrauer um den ledigen Fahrer<br \/>\nDer aus Nichts in Nichts geschwunden,<br \/>\nAn den Haaren dich herauf.&#8220;<\/p>\n<p>Wieder eine lose Satzstellung, Parallelismen, Satzschl\u00fcsse auf betonten Silben (&#8222;Sand&#8220;, &#8222;herauf&#8220;). All das ist kennzeichnend f\u00fcr den Text und bleibt im weiteren so, auch wenn ich es nicht mehr erw\u00e4hne! Bei &#8222;ledigen&#8220; gibt es durch die beiden unbetonten Silben eine kleine Abweichung vom Versma\u00df.<\/p>\n<p>&#8222;Vater&#8220;, sagte da Mechtildis,<br \/>\nIhre Stimme schwer von Ferne,<br \/>\nM\u00fchsam in die blauen, vollen<br \/>\nBlicke fassend Thron und Herrn,<br \/>\n&#8222;K\u00f6nig, der du Macht hast \u00fcber<br \/>\nAcker, Wald und Schiff und Menschen,<br \/>\nHast du aber auch die Krone<br \/>\nVon den Geistern in dem Wasser,<br \/>\nVon den Wesen in den B\u00e4umen,<br \/>\nVon den Seelen in den Leibern?<br \/>\nKannst dem Winde auch gebieten,<br \/>\nstillzustehn, des Baumes Rauschen<br \/>\nSchweigen und der Welle Stimme<br \/>\nUnd die Trauer in der Brust?<br \/>\nSamen streu in deine \u00c4cker,<br \/>\nB\u00e4ume setz in deine Forste,<br \/>\nHalm w\u00e4chst doch im eignen Wesen,<br \/>\nBaum im eigenen Gesetz.&#8220;<\/p>\n<p>Wie h\u00e4lt es Strau\u00df mit dem Zeilensprung?! Einige Male trennt er zwar zusammengeh\u00f6riges, aber im allgemeinen ist er da vorsichtig. Zu dem &#8222;\u00fcber&#8220; etwa, das am Versende steht, tritt der gesamte folgende Vers, was die Trennung weniger hart klingen l\u00e4sst? Diese Aufz\u00e4hlung ist auch in ihrer Bewegung bemerkenswert:<\/p>\n<p><em>Acker, Wald und Schiff und Menschen<\/em><\/p>\n<p>Ich hatte ja schon auf &#8222;klappernde&#8220; Aufz\u00e4hlungen der Art &#8222;Silben, W\u00f6rter, S\u00e4tze, Texte&#8220; hingewiesen mit genau gleichen Aufz\u00e4hlungsgliedern; Strau\u00df&#8216; Aufz\u00e4hlung ist nun das &#8222;andere \u00c4u\u00dferste&#8220;, denn hier ist kein Glied der Aufz\u00e4hlung einem anderen gleich:<\/p>\n<p><strong>Ac<\/strong>ker, \/ <strong>Wald<\/strong> \/ und <strong>Schiff<\/strong> \/ und <strong>Men<\/strong>schen<\/p>\n<p>X x \/ X \/ x X \/ x X x<\/p>\n<p>&#8211; Ein sehr abwechslungsreich sich gliedernder Vers!<\/p>\n<p>Guntram, vor der fremden Stete<br \/>\nWirrnis zornig sp\u00fcrend, senkte<br \/>\nHart zur Brust das b\u00e4rtige Antlitz,<br \/>\nN\u00e4hrte aus des Thrones Golde,<br \/>\nSt\u00e4rkte aus dem Waffenschimmern<br \/>\nSeiner Scharen durch die Tore<br \/>\nDie gebieterischen M\u00e4chte<br \/>\nIn dem angefochtnen Mute,<br \/>\nRiss das Haupt herauf und schrie:<br \/>\n&#8222;Da an Rede Widerrede<br \/>\nDu zu setzen nicht ermattest,<br \/>\nLass nun schaun, ob auch dem Zwang du<br \/>\nWiderzwang hast aufzubieten,<br \/>\nWelche Kraft wohl l\u00e4nger w\u00e4hrt!<\/p>\n<p>&#8222;B\u00e4rtige&#8220;, wieder zwei unbetonte Silben; und an derselben Stelle im Vers wie das &#8222;ledige&#8220;. Die Satzstellung am Schluss, das scheinbar unverbundene &#8222;Welche &#8230;&#8220;, das aber doch zu &#8222;Lass nun schaun,&#8220; geh\u00f6rt, erscheint mir sehr reizvoll!<\/p>\n<p>Unverhoffte Gnade&#8220;, sprach er,<br \/>\n&#8222;Unverdiente soll dir werden,<br \/>\nDoch gewaltsam wie dem strotzigen<br \/>\nKind ins aufgehaltne Mundwerk<br \/>\nHeilsam Tr\u00e4nklein wird gefl\u00f6\u00dft.<br \/>\nUm dich wirbt und soll dich haben<br \/>\nHatto, nachbarlicher K\u00f6nig,<br \/>\nDer an Reichtum mit den Reichen<br \/>\nFunkelt, der an Manneswerte<br \/>\nF\u00fcrsten, Mannen \u00fcberstrahlt.<\/p>\n<p>Diesmal steht mit &#8222;strotzigen&#8220; eine &#8222;doppelt besetzte Senkung&#8220; am Versende! Das ist ziemlich ungew\u00f6hnlich &#8230; Ich glaube, das werden im Vortrag viele auf &#8222;strotz&#8217;ge&#8220; verk\u00fcrzen? Andererseits ist ein recht heftiger Zeilensprung da, das Versende tritt also ohnehin nicht so stark als Pause in Erscheinung; und gerade an dieser Stelle, mit diesem Wort das Metrum zu durchbrechen: passt gut zum Inhalt?!<\/p>\n<p>Dem ein Kampfgott reiht die Heerschar,<br \/>\nDem ein Blitz wohnt in der Schwerthand,<br \/>\nIn den Rennerbeinen Hirschblut,<br \/>\nDem ein Falkenblick den Spie\u00df lenkt,<br \/>\nHeld von Helden, J\u00e4ger \u00fcber<br \/>\nAllen J\u00e4gern, wirbt um dich.<\/p>\n<p>Die zus\u00e4tzlichen unbetonten Silben, die ich angesprochen habe, setzt Strau\u00df h\u00e4ufiger, als es \u00fcblich ist. Wenn aber diese M\u00f6glichkeit der Auflockerung selten ist, woraus gewinnt der Vierheber dann die n\u00f6tige Abwechslung, seine Vielgestaltigkeit? Dieser Abschnitt zeigt zwei M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr!<\/p>\n<p>Einmal die Wahl der Schluss-Silbe. Es macht f\u00fcr den Eindruck, den der Vers dem Ohr macht, einen gewaltigen Unterschied, ob die letzten beiden Silben durch ein Wort wie &#8222;Wesen&#8220; besetzt sind, in dem die letzte Silbe fast ganz stumm bleibt, oder durch ein Wort wie &#8222;Heerschar&#8220;, in dem die zweite Silbe erstens eine &#8222;Sinnsilbe&#8220; ist und zweitens einen langen Vokal aufweist! Dadurch bekommt diese Silbe ein gro\u00dfes Gewicht, sie hat eine starke Nebenbetonung. Strau\u00df setzt diese M\u00f6glichkeit nun gleich viermal nacheinander ein: &#8222;Heerschar&#8220;, &#8222;Schwerthand&#8220;, &#8222;Hirschblut&#8220; &#8222;Spie\u00df lenkt&#8220;, im letzten Fall durch zwei &#8222;schwere&#8220; einsilbige W\u00f6rter. Die damit erzielte Wirkung ist sehr stark!<\/p>\n<p>Zweitens entsteht Vielfalt durch die M\u00f6glichkeit, sozusagen &#8222;am Metrum vorbei&#8220; andere Bewegungsmuster in den Text zu schmuggeln. Hier sieht man das deutlich an diesem Vers:<\/p>\n<p><em>Dem ein Blitz wohnt in der Schwerthand.<\/em><\/p>\n<p>Vom Metrum her ein tadelloser vierhebiger Troch\u00e4us:<\/p>\n<p><strong>Dem<\/strong> ein \/ <strong>Blitz<\/strong> wohnt \/<strong> in<\/strong> der \/ <strong>Schwert-<\/strong>hand.<\/p>\n<p>X x \/ X x \/ X x \/ X x<\/p>\n<p>Allerdings sind zwei der Silben, die in der &#8222;Senkung&#8220; stehen, f\u00fcr sich viel bedeutender, &#8222;schwerer&#8220;, als zwei der Silben, die in der &#8222;Hebung&#8220; stehen: &#8222;wohnt&#8220; und &#8222;-hand&#8220; als Senkungssilben, &#8222;Dem&#8220; und &#8222;in&#8220; als Hebungssilben. Das f\u00fchrt dazu, dass im lebendigen Vortrag die Versbewegung eher so aussehen d\u00fcrfte:<\/p>\n<p>v v \u2014 \u2014, v v \u2014 \u2014<\/p>\n<p>(Wobei ich durch die beiden unterschiedlichen Darstellungsformen keine Verwirrung stiften m\u00f6chte; hier sollen &#8222;X&#8220; und &#8222;x&#8220; mehr auf das &#8222;theoretische Metrum&#8220; verweisen, &#8222;v&#8220; und &#8222;\u2014&#8220; mehr, hier: <em>ausdr\u00fccklich<\/em> auf die &#8222;gesprochene Wirklichkeit&#8220;. Das h\u00e4ngt selbstredend zusammen; aber es ist nicht deckungsgleich.)<\/p>\n<p>Also ein <strong>ta<\/strong>ta<strong>TAM<\/strong>TAM, <strong>ta<\/strong>ta<strong>TAM<\/strong>TAM &#8211; ich wei\u00df nicht, ob die Bewegung deutlich wird, aber in Bezug auf die antike Terminologie sind das &#8222;Ioniker a minore&#8220;, so gut sie das Deutsche eben hinbekommt; eine sehr eindr\u00fcckliche Bewegung, und stark vom \u00fcblichen &#8222;troch\u00e4ischen Gang&#8220; unterschieden!<\/p>\n<p>Der Vers vor diesem (&#8222;Dem ein Kampfgott &#8230;&#8220;) bereitet diese besondere Bewegung schon vor, der Vers danach ist anders gebaut, dann kommt noch eine Erinnerung an den Ioniker; und dann f\u00e4llt die Versbewegung zur\u00fcck in \u00fcblichere Muster.<\/p>\n<p>Gib mir nun kein Wort und Zeichen,<br \/>\nDenn der Unverst\u00e4ndigen muss ich<br \/>\nFraglos ordnen, was ihr zukommt,<br \/>\nUnd zum Neumond wird die Hochzeit<br \/>\nDir ger\u00fcstet hier im Saal.&#8220;<\/p>\n<p>Wie weit tr\u00e4gt die angesprochene &#8222;besondere Bewegung&#8220; des Ionikers? Hat man sie hier noch im Ohr, liest man die Folge &#8222;was ihr zukommt, und zum Neumond wird die Hochzeit&#8220; vielleicht auch als &#8222;v v \u2014 \u2014, v v \u2014 \u2014, v v \u2014 \u2014&#8220;?! Vielleicht aber auch nicht, denn so klar wie im zuerst besprochenen Vers ist die Bewegung an dieser Stelle l\u00e4ngst nicht. &#8222;Unverst\u00e4ndigen&#8220;, noch einmal zwei unbetonte Silben; wie gesagt, Strau\u00df benutzt sie h\u00e4ufiger, als es \u00fcblich ist.<\/p>\n<p>Das erste Kapitel endet hier, passenderweise; die B\u00fchne, auf der sich die Legende im weiteren entfaltet, ist bereitet!<\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt Strau\u00df&#8216; Text sehr gut. Vom Inhalt her ist es eine &#8222;handels\u00fcbliche Legende&#8220;, aber die Art, wie Strau\u00df sie mit Hilfe des Vierhebers in sprachliche Wirklichkeit formt, beeindruckt mich bei jedem Lesen, jedem Sprechen wieder &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Beitrag m\u00f6chte ich das erste Kapitel von Ludwig Strau\u00df&#8216; Legende &#8222;Mechtildis unter der Buche&#8220; vorstellen.\u00a0 Entnommen habe ich diesen Text dem Band: Ludwig Strau\u00df, Gedichte und Schriften, K\u00f6sel, M\u00fcnchen 1963; dort ist das erste Kapitel auf den Seiten 327-329 zu finden. Die von immergleicher Trauer Langsam ging, von immergleichem Traume lieblich aufgehoben Sinnend&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=67\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (7)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-67","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=67"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":323,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67\/revisions\/323"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=67"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=67"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=67"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}