{"id":676,"date":"2014-01-27T02:39:53","date_gmt":"2014-01-27T00:39:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=676"},"modified":"2014-02-01T23:52:40","modified_gmt":"2014-02-01T21:52:40","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=676","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (7)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bertolt Brechts &#8222;Lehrgedichts-Fragment&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Z\u00e4suren sind f\u00fcr einen Langvers wichtig, und f\u00fcr den Hexameter besonders; daher m\u00f6chte ich die Hauptz\u00e4suren hier noch einmal ausf\u00fchrlich vorstellen, und zwar am Beispiel von Brechts Versen. Die habe ich, wie sein Zitat, aus den 1981 bei Suhrkamp erschienenen &#8222;Gedichten in einem Band&#8220;, wo sie auf den angegebenen Seiten zu finden sind.<\/p>\n<p>1945 war es, da fasste Brecht den erstaunlichen Plan, das &#8222;Kommunistische Manifest&#8220; von Marx und Engels zu versifizieren. \u00dcber seine Gr\u00fcnde schrieb er:<\/p>\n<p><em>Das Manifest ist als Pamphlet selbst ein Kunstwerk; jedoch scheint es mir m\u00f6glich, die propagandistische Wirkung heute, hundert Jahre sp\u00e4ter, und mit neuer, bewaffneter Autorit\u00e4t versehen, durch ein Aufheben des pamphletischen Charakters, zu erneuern.<\/em> (Seite 1296)<\/p>\n<p>Erreichen wollte Brecht dies durch ein Lehrgedicht in der Art des antiken &#8222;De rerum natura&#8220; von Lukrez, ein Werk, das Brecht schon lange kannte und sch\u00e4tzte. Und da Lukrez den Hexameter verwendet hatte, griff auch Brecht zu diesem Vers. Das versifizierte Manifest sollte den Mittelteil bilden, flankiert von anderen lehrhaften Texten. Doch leider stellte Brecht dieses Lehrgedicht nie fertig \u2013 das, was entstanden ist, verspricht viel!<\/p>\n<p>Jetzt aber zu den Z\u00e4suren! Z\u00e4suren sind Pausen, die einen Hexameter in mehrere Unterabschnitte teilen. Warum sie so entscheidend sind f\u00fcr den Hexameter, hat Alfred Kelletat sch\u00f6n beschrieben in &#8222;Zum Problem der antiken Metren im Deutschen&#8220; (Deutschunterricht 1964):<\/p>\n<p><em>Es bedarf einer fein bemessenen und variablen Gliederung in Abschnitte, um dem langen und starken Vers seine individuelle Bewegung zu geben &#8211; sonst klingt er wie ein unerme\u00dfliches, undifferenziertes, sich ewig wiederholendes Dahinrollen. Erst durch die Schnitte wird jeder Vers zur fasslichen Individualit\u00e4t, hier liegt die eigentliche Kunst des Hexameters, von ihnen h\u00e4ngt seine Tragf\u00e4higkeit, seine H\u00f6rbarkeit \u00fcber weite Strecken des epischen Vortrags ab.<\/em><\/p>\n<p>Nun gut. Wie sieht das also im wirklichen Vers aus?! Der ber\u00fchmte erste Satz des &#8222;Manifests&#8220; lautet im Original: <em>Ein Gespenst geht um in Europa \u2013 das Gespenst des Kommunismus.<\/em> Dessen ersten Teil hat Brecht in folgenden Hexameter gegossen (Seite 911):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kriege zertr\u00fcmmern die Welt und im Tr\u00fcmmerfeld geht ein Gespenst um.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ausweitung Europas auf die Welt und das Hinzunehmen des Krieges kann man dabei verstehen&#8230; Wenn man den Vers spricht, merkt man, dass hinter &#8222;Welt&#8220; eine kurze Pause gemacht wird: eben eine Z\u00e4sur sich befindet.<\/p>\n<p>Wenn man nicht in die Einzelheiten gehen will, gen\u00fcgt es zu sagen, dass die Haupt-Z\u00e4sur des Hexameters in der dritten oder vierten Grundeinheit liegen sollte &#8211; mit Betonung auf &#8222;in&#8220;! Nach der dritten Einheit teilt sich der Vers nie (die beiden Versh\u00e4lften w\u00fcrden sich zu \u00e4hnlich), nach der vierten ist eine Teilung m\u00f6glich, aber nicht h\u00e4ufig. Damit bleiben im wesentlichen vier Z\u00e4suren \u00fcber, zwei m\u00e4nnliche (nach einer betonten Silbe) und zwei weibliche (nach einer unbetonten Silbe). Brechts Vers f\u00fchrt die Z\u00e4sur nach der betonten Silbe der dritten Einheit vor, die im allgemeinen Schema so aussieht:<\/p>\n<p>X x (x) \/ X x (x) \/ X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x (x) \/ X x (x) \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>Im wirklichen Vers kommt das ganze dann so daher:<\/p>\n<p><strong>Krie<\/strong>ge zer- \/ <strong>tr\u00fcm<\/strong>mern die \/ <strong>Welt<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und im \/ <strong>Tr\u00fcm<\/strong>merfeld \/ <strong>geht<\/strong> ein Ge- \/ <strong>spenst<\/strong> um.<\/p>\n<p>Die zweite H\u00e4lfte des Manifestsatzes folgt dann nach einigen weiteren Versen, auch sie f\u00fcllt einen Hexameter (Seite 911):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ewig zu bleiben gekommen: sein Name ist Kommunismus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diesmal ist die Z\u00e4sur durch den Doppelpunkt eindeutig gekennzeichnet. Sie liegt in der (logischerweise hier immer dreisilbigen) dritten Einheit hinter der ersten unbetonten Silbe, allgemein:<\/p>\n<p>X x (x) \/ X x (x) \/ X x <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x \/ X x (x) \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>Und im wirklichen Brecht-Vers:<\/p>\n<p><strong>E<\/strong>wig zu \/ <strong>blei<\/strong>ben ge- \/ <strong>kom<\/strong>men: <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> sein \/ <strong>Na<\/strong>me \/ <strong>ist<\/strong> Kommu- \/ <strong>nis<\/strong>mus.<\/p>\n<p>Diese beiden Teilungen gibt es nun auch in der vierten Einheit! Zuerst die nach der betonten Silbe:<\/p>\n<p>X x (x) \/ X x (x) \/ X x (x) \/ X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x (x) \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>Zwei Verse aus dem Manifest, die so gebaut sind (Seite 920):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht zum Wohnen bestimmt ist das Haus, das Tuch nicht zum Kleiden<br \/>\nNoch ist das Brot nur zum Essen bestimmt; Gewinn soll es tragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nicht<\/strong> zum \/ <strong>Woh<\/strong>nen be- \/ <strong>stimmt<\/strong> ist das \/ <strong>Haus<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> das \/ <strong>Tuch<\/strong> nicht zum \/ <strong>Klei<\/strong>den<br \/>\n<strong>Noch<\/strong> ist das \/ <strong>Brot<\/strong> nur zum \/ <strong>Es<\/strong>sen be- \/ <strong>stimmt<\/strong>; <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Ge- \/ <strong>winn<\/strong> soll es \/ <strong>tra<\/strong>gen.<\/p>\n<p>Und als vorerst letzte Z\u00e4sur-M\u00f6glichkeit der Einschnitt nach der ersten unbetonten Silbe in der vierten Einheit, vorgef\u00fchrt wieder an einem Manifest-Vers (Seite 923):<\/p>\n<p>X x (x) \/ X x (x) \/ X x (x) \/ X x <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stetig verwickelter wird die Maschine, der Handgriff wird leichter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ste<\/strong>tig ver- \/ <strong>wic<\/strong>kelter \/ <strong>wird<\/strong> die Ma- \/ <strong>schi<\/strong>ne, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> der \/ <strong>Hand<\/strong>griff wird \/ <strong>leich<\/strong>ter.<\/p>\n<p>Das waren jetzt die vier wichtigsten Z\u00e4suren. Es gibt noch andere, vor allem Nebenz\u00e4suren, die den Vers zus\u00e4tzlich zu einer dieser vier unterteilen; aber davon ein anderes Mal!<\/p>\n<p>Brechts Hexameter sind von sehr unterschiedlicher Qualit\u00e4t. Kein Wunder, das Manifest ist ja auch nie fertig geworden, und es steht manch angefangenes neben schon fertigem. Die &#8222;apokalyptischen Reiter&#8220; (Seite 904) aber aus dem &#8222;Rahmenprogramm&#8220; des Manifests sind ein fertiges, starkes St\u00fcck Hexameter-Dichtung! Darin wollen die \u00fcber die Welt gekommenen Reiter ihre Pferde saufen lassen, die aber wollen nicht aus dem mit Leichen verseuchten Fluss trinken. In dem Moment<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Winkte ein Weiblein ihnen und f\u00fchrte sie schwankenden Ganges<br \/>\nOb von Feuer verwirrt, ob schwach in den Knien von verj\u00e4hrtem<br \/>\nHunger, schwankenden Ganges, sag ich, f\u00fchrte sie, sag ich<br \/>\nZwischen zerschossenen H\u00fctten des einstigen Dorfes zu ihrer<br \/>\nEignen zerschossenen H\u00fctte. Schweigend wies sie den Brunnen.<br \/>\nWinzig stand sie im wechselnden Schein des ger\u00f6teten Himmels<br \/>\nSaufen sah sie die G\u00e4ule das frische und reinliche Wasser.<br \/>\nErst, als die Blutigen wieder im Sattel, tat sie den Mund auf:<br \/>\n&#8222;Vorw\u00e4rts!&#8220; sagte sie laut mit des Alters d\u00fcnnerer Stimme<br \/>\n&#8222;Vorw\u00e4rts!&#8220; sagte sie dr\u00e4ngend. &#8222;Reitet weiter, ihr Lieben!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liest sich eigentlich sehr gut&#8230; Wenn man auf die Z\u00e4suren achtet, merkt man allerdings, dass Brecht oft, gegen die Regel, den Einschnitt zwischen die Grundeinheiten legt. Im letzten Vers f\u00e4llt es besonders auf:<\/p>\n<p>&#8222;<strong>Vor<\/strong>w\u00e4rts!&#8220; \/ <strong>sag<\/strong>te sie \/<strong> dr\u00e4n<\/strong>gend. <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> &#8222;<strong>Rei<\/strong>tet \/ <strong>wei<\/strong>ter, ihr \/ <strong>Lie<\/strong>ben!&#8220;<\/p>\n<p>Die Z\u00e4sur teilt den Vers in zwei genau gleiche Halbverse auf. Oder besser: Sie zerhackt ihn, denn im Ergebnis entstehen ja zwei unabh\u00e4ngige, k\u00fcrzere Verse, die nur zuf\u00e4llig in eine Zeile geraten sind. Herr Brecht, da untergraben sie die Fundamente des Hexameters &#8230; &#8222;Eignen zerschossenen H\u00fctte. Schweigend wies sie den Brunnen.&#8220; ist der gleiche Fall, aber hier:<\/p>\n<p><strong>Erst<\/strong>, als die \/ <strong>Blu<\/strong>tigen \/ <strong>wie<\/strong>der im \/ <strong>Sat<\/strong>tel, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <strong>tat<\/strong> sie den \/ <strong>Mund<\/strong> auf:<\/p>\n<p>liegt der Einschnitt vor der f\u00fcnften Einheit, und an dieser Stelle ist das ist nach alter Sitte ja m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ich halte es insgesamt aber eher mit den alten Meistern. Wie schrieb Emil Staiger so sch\u00f6n in seiner &#8222;Kunst der Interpreatation&#8220;, zu &#8222;Goethes antiken Ma\u00dfen&#8220; (Seite 119)?<\/p>\n<p><em>Die regelrechte Z\u00e4sur teilt den Hexameter zwar auf, vermeidet aber die peinliche Symmetrie und l\u00e4sst uns so um den toten Punkt in der Mitte hin- und her\u00fcberpendeln, wie es dem klassischen Wesen entspricht, das einerseits zwar ein klares, \u00fcber allem waltendes Ma\u00df anstrebt, doch andererseits auch den Zufall des Lebendigen nicht entbehren mag.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bertolt Brechts &#8222;Lehrgedichts-Fragment&#8220; Z\u00e4suren sind f\u00fcr einen Langvers wichtig, und f\u00fcr den Hexameter besonders; daher m\u00f6chte ich die Hauptz\u00e4suren hier noch einmal ausf\u00fchrlich vorstellen, und zwar am Beispiel von Brechts Versen. Die habe ich, wie sein Zitat, aus den 1981 bei Suhrkamp erschienenen &#8222;Gedichten in einem Band&#8220;, wo sie auf den angegebenen Seiten zu finden&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=676\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (7)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-676","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/676","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=676"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/676\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":719,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/676\/revisions\/719"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=676"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=676"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=676"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}