{"id":69,"date":"2013-12-12T01:20:34","date_gmt":"2013-12-11T23:20:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=69"},"modified":"2013-12-12T01:20:34","modified_gmt":"2013-12-11T23:20:34","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=69","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (8)"},"content":{"rendered":"<p>Gegenstand dieses Fadens war bisher der ungereimte, gereihte troch\u00e4ische Vierheber; und er soll es auch bleiben. In diesem Beitrag gehe ich aber einen Schritt weg vom geraden Wege und werfe einen Blick auf Texte, die den ungereimten troch\u00e4ischen Vierheber nicht\u00a0 gereiht, sondern mehr oder weniger strophisch verwenden!<\/p>\n<p>Am \u00fcblichsten sind da sicher vierzeilige Strophen. Ein sehr bekanntes Gedicht in diesem Ma\u00df ist Heinrich Heines &#8222;Der Asra&#8220;; ich m\u00f6chte hier aber einen weniger bekannten Text vorstellen, Conrad Ferdinand Meyers &#8222;Auf dem Canal grande&#8220;:<\/p>\n<p>Auf dem Canal grande betten<br \/>\nTief sich ein die Abendschatten,<br \/>\nHundert dunkle Gondeln gleiten<br \/>\nAls ein fl\u00fcsterndes Geheimnis.<\/p>\n<p>Aber zwischen zwei Pal\u00e4sten<br \/>\nGl\u00fcht herein die Abendsonne,<br \/>\nFlammend wirft sie einen grellen<br \/>\nBreiten Streifen auf die Gondeln.<\/p>\n<p>In dem purpurroten Lichte<br \/>\nLaute Stimmen, hell Gel\u00e4chter,<br \/>\n\u00dcberredende Geb\u00e4rden<br \/>\nUnd das frevle Spiel der Augen.<\/p>\n<p>Eine kleine, kurze Strecke<br \/>\nTreibt das Leben leidenschaftlich<br \/>\nUnd erlischt im Schatten dr\u00fcben<br \/>\nAls ein unverst\u00e4ndlich Murmeln.<\/p>\n<p>Genau wie &#8222;Der Asra&#8220; vier Strophen mit vier Zeilen, und hier wie da sind die Strophen auch deutlich als Strophen zu erkennen: Jede enth\u00e4lt einen eigenst\u00e4ndigen Teil des vorgestellten Geschehens. Dadurch flie\u00dft die Sprache nicht so frei wie in den bisher betrachteten Texten, nach je vier Zeilen kommt ein Einschnitt, ein Haltepunkt; aber \u00fcber vier Strophen l\u00e4sst sich das gut aushalten, und der Verfasser kann diesen strophischen Rahmen auch sicher nutzen, um einen Text auf eine Art und Weise aufzubauen, die ihm bei fortlaufenden Vierhebern nicht zur Verf\u00fcgung st\u00e4nde?!<\/p>\n<p>Will man in solchen vierzeiligen Einheiten l\u00e4ngere Strecken erz\u00e4hlen, verwischen die Strophengrenzen naturgem\u00e4\u00df &#8211; die Sinneinschnitte am Strophenende sind nicht mehr so stark, und oft flie\u00dft die Handlung einfach \u00fcber die Strophengrenze hinweg. Ein Beispiel daf\u00fcr borge ich mir bei Heine, der seine zahlreichen Vierheber-Texte grunds\u00e4tzlich so abgeteilt hat.<\/p>\n<p>Ziemlich am Anfang des \u00fcber 200 Strophen langen &#8222;Jehuda ben Halevy&#8220; geht es um die ber\u00fchmten &#8222;H\u00e4ngenden G\u00e4rten der Semiramis&#8220;:<\/p>\n<p>K\u00f6nigin Semiramis,<br \/>\nDie als Kind erzogen worden<br \/>\nVon den V\u00f6geln, und gar manche<br \/>\nV\u00f6gelt\u00fcmlichkeit bewahrte,<\/p>\n<p>Wollte nicht auf platter Erde<br \/>\nPromenieren wie wir andern<br \/>\nS\u00e4ugetiere, und sie pflanzte<br \/>\nEinen Garten in der Luft \u2013<\/p>\n<p>Hoch auf kolossalen S\u00e4ulen<br \/>\nPrangten Palmen und Zypressen,<br \/>\nGoldorangen, Blumenbeete,<br \/>\nMarmorbilder, auch Springbrunnen,<\/p>\n<p>Alles klug und fest verbunden<br \/>\nDurch unz\u00e4hl&#8217;ge H\u00e4ngebr\u00fccken,<br \/>\nDie wie Schlingepflanzen aussahn<br \/>\nUnd worauf sich V\u00f6gel wiegten \u2013<\/p>\n<p>Gro\u00dfe, bunte, ernste V\u00f6gel,<br \/>\nTiefe Denker, die nicht singen,<br \/>\nW\u00e4hrend sie umflattert kleines<br \/>\nZeisigvolk, das lustig trillert \u2013<\/p>\n<p>Alle atmen ein, beseligt,<br \/>\nEinen reinen Balsamduft,<br \/>\nWelcher unvermischt mit schn\u00f6dem<br \/>\nErdendunst und Missgeruche.<\/p>\n<p>Da ist der &#8222;Heine-Ton&#8220; recht deutlich zu h\u00f6ren &#8230; Wichtiger im Rahmen dieses Fadens ist aber die Art, in der Sprache, Satz und Sinn unbek\u00fcmmert von einer Strophe zur anderen springen: die Stropheneinteilung ist hier nicht viel mehr als eine Hilfe f\u00fcrs Leserauge!<\/p>\n<p>Der Beachtung wert ist noch die zweite Strophe. Heine l\u00e4sst in mancher Strophe einen Vers mit einer betonten Silbe enden; das lockert den Text angenehm auf. F\u00fcr den allgemeinen Aufbau solcher Texte spannend ist dieses Vorgehen, wenn ein solcher betont endender Vers am Schluss der Strophe steht, wie hier in der zweiten gezeigten Strophe:<\/p>\n<p><em>Einen Garten in der Luft \u2013<\/em><\/p>\n<p>Macht man das als Verfasser durchg\u00e4ngig, st\u00e4rkt das nat\u00fcrlich die Wahrnehmung der einzelnen Strophen, denn die betonte Silbe und die anschlie\u00dfende Pause, die die fehlende unbetonte Silbe vertritt, heben sich meist deutlich heraus!<\/p>\n<p>Das ergibt dann wieder ein etwas anderes Erz\u00e4hlen, der Text wird wieder kleinteiliger; und auch fester. Damit kann man dann Ernsteres erz\u00e4hlen, wie Conrad Ferdinand Meyer in &#8222;Kaiser Friedrich der Zweite&#8220;:<\/p>\n<p>In den Armen seines J\u00fcngsten<br \/>\nPhantasiert der sieche Kaiser,<br \/>\nAn dem treuen Herzen Manfreds<br \/>\nK\u00e4mpft er seinen Todeskampf.<\/p>\n<p>Aber da belasse ich es bei der ersten Strophe und schlie\u00dfe diesen Beitrag lieber mit einem eher heiter-verspielten Text Meyers, mit den ersten vier Strophen von &#8222;Don Fadrique&#8220;. Auch hier gibt es den betonten Strophenschluss:<\/p>\n<p>Don Fadrique bringt ein St\u00e4ndchen<br \/>\nDer possierlichen Pepita:<br \/>\n&#8222;Liebchen, strecke durch die T\u00fcre<br \/>\nDeines F\u00fc\u00dfchens Spitze nur!&#8220;<\/p>\n<p>Und die drollige Pepita<br \/>\nStreckt durch eine schmale Spalte<br \/>\nEines allerliebsten Fu\u00dfes<br \/>\nWei\u00dfes Spitzchen in die Luft.<\/p>\n<p>Don Fadrique kr\u00fcmmt den R\u00fccken,<br \/>\nWill das wei\u00dfe Spitzchen k\u00fcssen,<br \/>\nKnabe Amor steht beiseite,<br \/>\nDer den Bogen lachend spannt.<\/p>\n<p>Nach dem ewigjungen Herzen<br \/>\nZielt er, doch wer lacht, der zielt schlecht:<br \/>\nIn des Ritters alten R\u00fccken<br \/>\nSchie\u00dft er einen Hexenschuss.<\/p>\n<p>So geht das dann &#8230; Aber man sieht: Es muss nicht immer &#8222;gereiht&#8220; sein, auch &#8222;strophisch&#8220; hat seinen Reiz; und zwischen diesen beiden M\u00f6glichkeiten gibt es reichlich Mischformen, so dass eigentlich f\u00fcr jeden Schreibenden etwas dabei sein sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegenstand dieses Fadens war bisher der ungereimte, gereihte troch\u00e4ische Vierheber; und er soll es auch bleiben. In diesem Beitrag gehe ich aber einen Schritt weg vom geraden Wege und werfe einen Blick auf Texte, die den ungereimten troch\u00e4ischen Vierheber nicht\u00a0 gereiht, sondern mehr oder weniger strophisch verwenden! Am \u00fcblichsten sind da sicher vierzeilige Strophen. 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