{"id":701,"date":"2014-01-30T01:55:07","date_gmt":"2014-01-29T23:55:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=701"},"modified":"2014-10-31T23:49:04","modified_gmt":"2014-10-31T21:49:04","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=701","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (8)"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber Daktylen<\/strong><\/p>\n<p>Man kann von ganz unterschiedlichen Standpunkten aus auf den Hexameter blicken. Einer der h\u00e4ufigeren war und ist sicher der der &#8222;metrischen Grundeinheiten&#8220;.<\/p>\n<p>Ich habe gestern mal wieder einen Stapel Papier umgesetzt, und dabei gerieten mir Kopien aus verschiedenen Metriken in die H\u00e4nde. Beim Wieder-Lesen fand ich einige Bemerkungen \u00fcber die dreisilbige metrische Grundeinheit, den sogenannten &#8222;Daktylus&#8220; (X x x ), die mir bedenkenswert erscheinen&#8230;<\/p>\n<p>Friedrich Kauffmann etwa schreibt in seiner &#8222;Neuhochdeutschen Metrik&#8220; von 1907:<\/p>\n<p><em>Je nach dem Silbengewicht der beiden Senkungen sind echte Daktylen von unechten zu unterscheiden. \u00dcberwiegt die zweite Senkungssilbe vor der ersten, so wird die Dreiteiligkeit des Versma\u00dfes besonders deutlich ausgepr\u00e4gt: jammervoll, Fl\u00fcgelschlag, f\u00fcrchte nicht (echte Daktylen); \u00fcberwiegt die erste Senkungssilbe vor der zweiten, so werden wir eher eine Abart troch\u00e4ischer Ma\u00dfe gewahr: J\u00fcnglinge, fruchtbaren, Hauptstadt der (Welt), hier will ich (unechte Daktylen). Eine dritte Reihe bilden diejenigen Senkungsreihen, bei denen eine Abstufung nicht hervortritt (doppelte Senkung): betete, Menschlichkeit, l\u00f6st sich das (Band).<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Echte&#8220; und &#8222;unechte&#8220; Daktylen?! Das ist, finde ich, erstmal bemerkenswert. Eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Bezeichnungen gibt Kauffmann aber nicht. Da lohnt es sich, 90 Jahre zur\u00fcckzugehen zu Friedrich August Gotthold, der 1817 in seinem Aufsatz &#8222;Ist es ratsam, den Troch\u00e4us aus dem deutschen Hexameter zu verbannen?&#8220; anmerkt:<\/p>\n<p><em>Unser Daktylus stellt ungern die bedeutendere Silbe der unbedeutenderen voran, und wir h\u00f6ren lieber &#8222;<span style=\"text-decoration: underline\">gingen ans<\/span> Ufer&#8220; als &#8222;<span style=\"text-decoration: underline\">ging an das<\/span> Ufer&#8220;, lieber &#8222;<span style=\"text-decoration: underline\">gab es uns<\/span> freudig&#8220; als &#8222;<span style=\"text-decoration: underline\">gab uns Er<\/span>freuten&#8220;, lieber &#8222;Sonderling&#8220; als &#8222;J\u00fcnglinge&#8220;, lieber &#8222;baldigern&#8220; als &#8222;schachernde&#8220; usw.<\/em><\/p>\n<p>Begr\u00fcndet wird diese Behauptung dann so:<\/p>\n<p><em>Der Daktylus ist ein dreiteiliger Takt, im dreiteiligen Takte aber ist bekannterma\u00dfen der erste Teil der St\u00e4rkste, der dritte schw\u00e4cher, und der mittlere der schw\u00e4chste, weshalb auch so oft dem ersten der drei Teile anderthalb Zeiten, dem zweiten aber nur eine halbe gegeben wird, w\u00e4hrend der dritte die seine ungeschm\u00e4lert zu behaupten pflegt. Also um sich dem dreiteiligen Takte aufs genauste anzuschlie\u00dfen, stellt der Deutsche Daktylus die schw\u00e4chere K\u00fcrze in die Mitte, und die st\u00e4rkere an das Ende.<\/em><\/p>\n<p>Das lohnt nat\u00fcrlich das Nachdenken &#8211; aber hat das auch einen Wert in der dichterischen Wirklichkeit?! Kauffmann sagt ja. Anschlie\u00dfend an das erste Zitat schreibt er:<\/p>\n<p><em>In unseren daktylischen Gedichten gehen diese drei Typen durcheinander; aber je nach der H\u00e4ufigkeit des einen oder anderen Typus entstehen verschieden geartete rhythmische Wirkungen. Echte Daktylen geben dem Gedicht einen h\u00fcpfenden Charakter, unechte Daktylen bringen feierliche Ruhe: daher die Verschiedenheit des rhythmischen Eindrucks, den wir von &#8222;Reineke Fuchs&#8220; und &#8222;Hermann und Dorothea empfangen; dort schlagen die echten, hier die unechten Daktylen vor, deren Gewicht noch durch zahlreiche zweisilbige F\u00fc\u00dfe verst\u00e4rkt wird.<\/em><\/p>\n<p>Leider belegt er diese Behauptungen nicht an den Texten; ich habe so meine Zweifel, jedenfalls bez\u00fcglich der Frage, in welchem Ausma\u00df diese Daktylen denn den Rhythmus pr\u00e4gen. Aber anregend sind solche \u00dcberlegungen auf jeden Fall, und wenn sich die Metriker auch oft und gern in den Haaren gelegen haben (Andreas Heusler, &#8222;Deutsche Versgeschichte&#8220;: <em>Die Namen echte, unechte Daktylen sind wenig gl\u00fccklich<\/em>), kann man doch immer etwas mitnehmen aus ihren Ausf\u00fchrungen.<\/p>\n<p>Zum Schluss noch etwas wirkliche Dichtung!<\/p>\n<p>Unter den Xenien Schillers und Goethes finden sich manche metrische L\u00e4sslichkeiten &#8211; die beiden haben da oft fast mutwillig gegen die guten Sitten versto\u00dfen. &#8222;Marmor&#8220; hat eine deutliche Nebenhebung auf der zweiten Silbe und macht daher eine gute zweisilbige Einheit her im Hexameter, wie zum Beispiel in folgender Xenie:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Antiquar<\/em><\/p>\n<p>Was ein christliches Auge nur sieht, erblick&#8216; ich im Marmor:<br \/>\nZeus und sein ganzes Geschlecht gr\u00e4mt sich und f\u00fcrchtet den Tod.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Bestandteil einer dreisilbigen Einheit taugt das Wort, wie oben erkl\u00e4rt, eher weniger. Das konnte die beiden aber nicht st\u00f6ren:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>H\u00f6chster Zweck der Kunst<\/em><\/p>\n<p>Schade f\u00fcrs sch\u00f6ne Talent des herrlichen K\u00fcnstlers! O h\u00e4tt er<br \/>\nAus dem Marmorblock doch ein Kruzifix uns gemacht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Pentameter ist eigentlich eine ziemliche Frechheit:<\/p>\n<p><strong>Aus<\/strong> dem \/ <strong>Mar<\/strong>morblock \/ <strong>doch<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <strong>ein<\/strong> \/ Kruzi- \/ <strong>fix<\/strong> uns ge- \/ <strong>macht<\/strong>!<\/p>\n<p>Das &#8222;Aus dem&#8220; ist zu schwach, das gleich anschlie\u00dfende &#8222;Marmorblock&#8220; ein entsetzlicher Daktylus, und der Rest auch nicht besser. Hier wollten die beiden ihre Leser wohl einfach nur reizen, und den bezeugten Reaktionen nach ist es ihnen auch gelungen&#8230;<\/p>\n<p>Dass er einen &#8222;Marmorblock&#8220; auch vern\u00fcnftig unterzubringen wusste, hat Goethe dann jedenfalls, viel sp\u00e4ter, im &#8222;Faust&#8220; gezeigt: Im alternierenden Reimvers.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wo jeden Tag, behend, im Doppelschritt,<br \/>\nEin Marmorblock als Held ins Leben tritt.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Na bitte, geht doch &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Daktylen Man kann von ganz unterschiedlichen Standpunkten aus auf den Hexameter blicken. Einer der h\u00e4ufigeren war und ist sicher der der &#8222;metrischen Grundeinheiten&#8220;. Ich habe gestern mal wieder einen Stapel Papier umgesetzt, und dabei gerieten mir Kopien aus verschiedenen Metriken in die H\u00e4nde. 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