{"id":71,"date":"2013-12-12T01:24:58","date_gmt":"2013-12-11T23:24:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=71"},"modified":"2013-12-12T02:46:05","modified_gmt":"2013-12-12T00:46:05","slug":"erzaehlverse-der-trochaeische-vierheber-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=71","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (9)"},"content":{"rendered":"<p>Neben der Anakreon-Nachfolge und der finnischen Kalevala hat, wie schon erw\u00e4hnt, der Vierheber noch auf einem anderen Weg Einzug in die deutsche Dichtung gehalten: \u00fcber die \u00dcbersetzung von spanischen Texten und die darin verwendeten &#8222;spanischen Troch\u00e4en&#8220;. Den Anfang machte dabei Johann Gottfried Herder, der Romanzen um &#8222;El Cid&#8220;, den spanischen Nationalhelden, ins Deutsche \u00fcbertrug. Seine Verse lesen sich so:<\/p>\n<p>L\u00e4rm und Schlachten, Blut und Feuer,<br \/>\nKriegesstimmen allenthalben,<br \/>\nTrommeln, Pauken und Drommeten<br \/>\nSchallen in Kastilien laut.<\/p>\n<p>Denn kaum hatte mit den Br\u00fcdern<br \/>\nSeines Vaters Sarg Don Sancho<br \/>\nMitbegleitet an die Gruft,<br \/>\nSteigt er auf sein Ross, und blasen,<br \/>\nBlasen l\u00e4\u00dft er allenthalben<br \/>\nGegen seine Br\u00fcder Krieg.<\/p>\n<p>Klingt schon mal recht episch; eines Nationalhelden w\u00fcrdig! Was Herder hier nicht umsetzt, ist eine typische Eigenschaft der urspr\u00fcnglichen Romanzendichtung: die Assonanz. In den gereihten spanischen Romanzen-Versen sind n\u00e4mlich immer die letzten betonten Silben der geradzahligen Verse durch den gleichen Vokal verbunden, bei unterschiedlichen Konsonaten (sonst w\u00e4re es ein Reim). Das haben die deutschen Dichter nach Herder dann gleichfalls so gehalten, zum Beispiel Joseph von Eichendorff in einem sehr kurzen Text:<\/p>\n<p><strong>Der Seemann<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fch am Sankt Johannistag<br \/>\nFiel ein Seemann in das Wasser.<br \/>\n<em>Was erhalt ich, Schifferlein,<\/em><br \/>\n<em>Wenn ich rette dich zum Strande?<\/em><br \/>\nGeb&#8216; dir alle meine Schiffe<br \/>\nSamt der Gold- und Silberladung.<br \/>\n<em>Nicht nach allen deinen Schiffen,<\/em><br \/>\n<em>Deinem Gold und Silber frag ich,<\/em><br \/>\n<em>Deine Seele, wenn du stirbst,<\/em><br \/>\n<em>Will ich nur zum Lohne haben.<\/em><br \/>\nMeine Seel&#8216; empfange Gott,<br \/>\nund den Leib das salz&#8217;ge Wasser!<\/p>\n<p>Jaja. Da sieht man, erstens: Was Eichendorff angezogen hat an der spanischen Dichtung &#8211; der &#8222;katholische Gehalt&#8220;; zweitens, dass Eichendorff so recht nicht aus seiner dichterischen Haut konnte; und drittens, und das ist hier das wichtige &#8211; die geradzahligen Verse haben als letzten betonten Vokal alle ein &#8222;a&#8220;!<\/p>\n<p>Das ist eine viel weniger auff\u00e4llige Art, Gleichklangwirkungen in einen Text zu bringen, als ein Reim; wer es mal versuchen m\u00f6chte, kann sich ja bei den deutschen Romanzendichtern umschauen und einlesen! Ich denke, das lohnt sich; auch, weil ein Reim ja immer neben der Aufmerksamkeit, die er verlangt, und die anderen Gestaltungsmerkmalen des Textes dann fehlt, auch den Satz formt und der Dichter es dadurch schwerer hat, den Text &#8222;flie\u00dfen&#8220; zu lassen.<\/p>\n<p>Nach den beiden damit vorgestellten Abwandlungsm\u00f6glichkeiten des gereihten, ungereimten troch\u00e4ischen Vierhebers &#8211; Strophe und Assonanz &#8211;\u00a0 m\u00f6chte ich aber im n\u00e4chsten Beitrag wieder zur\u00fcck zum eigentlichen Vers.<\/p>\n<p>Als \u00dcbergang h\u00e4nge ich hier noch Conrad Ferdinand Meyers &#8222;Camo\u00ebns&#8220; an. Portugal also, nicht Spanien, und &#8222;Nationaldichter&#8220;, nicht &#8222;Nationalheld&#8220; &#8230; Und auch kein wirklich tief beeindruckendes Werk; aber wie Meyers &#8222;Don Fadrique&#8220; den kleinen Abstecher in den S\u00fcden eingeleitet hat, so beschlie\u00dft ihn nun sein &#8222;Camo\u00ebns&#8220; &#8211; ganz ohne Strophen und ohne Assonanzen!<\/p>\n<p>Camo\u00ebns, der Musen Liebling,<br \/>\nLag erkrankt im Hospitale.<br \/>\nIn derselben armen Kammer<br \/>\nLag ein Sch\u00fcler aus Coimbra,<br \/>\nIhm des Tages Stunden k\u00fcrzend<br \/>\nMit unendlichem Geplauder.<\/p>\n<p>&#8222;Edler Herr und gro\u00dfer Dichter,<br \/>\nWas sie melden, ist es Wahrheit?<br \/>\nDass gescheitert eines Tages<br \/>\nAm Gestad von Coromandel<br \/>\nSei das undankbare Fahrzeug,<br \/>\nDas beehrt war, Euch zu tragen?<br \/>\nDass Ihr, k\u00e4mpfend in der Brandung,<br \/>\nMit der Rechten k\u00fchn gerudert,<br \/>\nDoch in ausgestreckter Linken<br \/>\nUnerreicht vom Wellenwurfe<br \/>\nHieltet Eures Liedes Handschrift?<br \/>\nSchwer wird solches mir zu glauben.<br \/>\nHerr, auch mir, wann ich verliebt bin,<br \/>\nSind Apollos Schwestern g\u00fcnstig;<br \/>\nAber ging&#8216; es mir ans Leben,<br \/>\nFlattern meine sch\u00f6nsten Verse<br \/>\nLie\u00df&#8216; ich wahrlich mit dem Winde,<br \/>\nBrauchte meine beiden Arme!&#8220;<\/p>\n<p>Antwort gab der Dichter l\u00e4chelnd:<br \/>\n&#8222;Solches tat ich, Freund, in Wahrheit,<br \/>\nRingend auf dem Meer des Lebens!<br \/>\nWider Bosheit, Neid, Verleumdung<br \/>\nK\u00e4mpft ich um des Tages Notdurft<br \/>\nMit dem einen dieser Arme.<br \/>\nMit dem andern dieser Arme<br \/>\nHielt ich \u00fcber Tod und Abgrund<br \/>\nIn des Sonnengottes Strahlen<br \/>\nMein Gedicht, die Lusiaden,<br \/>\nBis sie wurden, was sie bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8230; N\u00e4mlich die portugisische Nationaldichtung, und das bis heute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben der Anakreon-Nachfolge und der finnischen Kalevala hat, wie schon erw\u00e4hnt, der Vierheber noch auf einem anderen Weg Einzug in die deutsche Dichtung gehalten: \u00fcber die \u00dcbersetzung von spanischen Texten und die darin verwendeten &#8222;spanischen Troch\u00e4en&#8220;. Den Anfang machte dabei Johann Gottfried Herder, der Romanzen um &#8222;El Cid&#8220;, den spanischen Nationalhelden, ins Deutsche \u00fcbertrug. Seine&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=71\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der troch\u00e4ische Vierheber (9)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-71","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=71"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":77,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions\/77"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=71"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=71"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=71"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}