{"id":710,"date":"2014-02-01T02:25:13","date_gmt":"2014-02-01T00:25:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=710"},"modified":"2014-02-01T23:56:32","modified_gmt":"2014-02-01T21:56:32","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=710","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (9)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schiller verbessert (1)<\/strong><\/p>\n<p>1795 schrieb Schiller die 108 Distichen seiner zu recht ber\u00fchmten &#8222;Elegie&#8220;. Sp\u00e4ter nannte er das Gedicht um in &#8222;Der Spaziergang&#8220;, k\u00fcrzte es dabei um acht Distichen und \u00e4nderte auch bei den verbleibenden Versen einiges. Von den 100 Hexametern des St\u00fccks wurden immerhin 30 ver\u00e4ndert! Die \u00c4nderungen waren dabei manchmal sehr geringf\u00fcgig, machmal aber auch umfassend. Im einfachsten Fall waren die Verse einfach nicht regelgerecht gebaut, und Schiller schaffte mit einer kleinen \u00c4nderung Abhilfe. Hier etwa:<\/p>\n<p><em>Aber im stillen Gemache zeichnet bedeutende Zirkel<\/em><\/p>\n<p>Die anzunehmende Z\u00e4sur sitzt falsch, nicht <strong>in<\/strong> einer metrischen Grundeinheit, sondern zwischen zweien; und die Ausweichl\u00f6sung, de Z\u00e4sur hinter &#8222;zeichnet&#8220; zu lesen, klingt ziemlich schr\u00e4g?!<\/p>\n<p><strong>A<\/strong>ber im \/ <strong>stil<\/strong>len Ge- \/ <strong>ma<\/strong>che<span style=\"color: #ff0000\"> ||<\/span> <strong>zeich<\/strong>net be- \/ <strong>deu<\/strong>tende \/ Zirkel<\/p>\n<p>Schiller \u00e4ndert leicht an zwei Worten, fertig: Die Z\u00e4sur sitzt innerhalb einer Einheit!<\/p>\n<p><em>Aber im stillen Gemach entwirft bedeutende Zirkel<\/em><\/p>\n<p><strong>A<\/strong>ber im \/ <strong>stil<\/strong>len Ge- \/ <strong>mach<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ent- \/ <strong>wirft<\/strong> be- \/ <strong>deu<\/strong>tende \/<strong>Zir<\/strong>kel<\/p>\n<p>Ein anderer derartiger Fall liegt in diesem Vers vor:<\/p>\n<p><em>Aber pl\u00f6tzlich zerrei\u00dft die H\u00fclle. Der ge\u00f6ffnete Wald gibt<\/em><\/p>\n<p>Hier hat sich Schiller um die Z\u00e4sur herum einen viersilbigen Versfu\u00df erlaubt &#8230;<\/p>\n<p><strong>A<\/strong>ber \/ <strong>pl\u00f6t<\/strong>zlich zer- \/ <strong>rei\u00dft<\/strong> die \/ <strong>H\u00fcl<\/strong>le. <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span>\u00a0 Der ge- \/ <strong>\u00f6f<\/strong>fnete \/ <strong>Wald<\/strong> gibt<\/p>\n<p>Eigentlich ist das gar nichts schlimmes &#8211; eine der drei unbetonten Silben liegt vor der Z\u00e4sur, zwei dahinter, und dadurch ist das ganze problemlos sprechbar und klingt auch durchaus wie ein Hexameter. Klopstock hatte viele von diesen Versen in der ersten Auflage seines &#8222;Messias&#8220;, und Andreas Heusler schreibt \u00fcber solche Verse in seiner &#8222;Deutschen Versgeschichte&#8220;:<\/p>\n<p><em>Der Fall st\u00f6rt die Formel, nicht Zunge und Ohr. Man m\u00f6chte an diesen Versen nichts ge\u00e4ndert w\u00fcnschen!<\/em><\/p>\n<p>Klopstock hat sie aber doch nach und nach umgeschrieben, und Schiller tut es hier auch:<\/p>\n<p><em>Aber pl\u00f6tzlich zerrei\u00dft der Flor. Der ge\u00f6ffnete Wald gibt<\/em><\/p>\n<p><strong>A<\/strong>ber \/ <strong>pl\u00f6t<\/strong>zlich zer- \/ <strong>rei\u00dft<\/strong> der \/ <strong>Flor<\/strong>. <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Der ge- \/ <strong>\u00f6ff<\/strong>nete \/ <strong>Wald<\/strong> gibt<\/p>\n<p>Einfach &#8222;Flor&#8220; statt &#8222;H\u00fclle&#8220;, und gut.<\/p>\n<p>Solche Verbesserungen sind nat\u00fcrlich nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig spannend. Das \u00e4ndert sich, wenn es um zu leicht oder zu schwer besetzte Stellen im eigentlich richtig gebauten Vers geht. Hier bringt die \u00c4nderung oft auch eine deutliche Verbesserung des Verses.<\/p>\n<p><em>Ehre ward euch und Sieg, doch nur der Ruhm kam zur\u00fccke,<\/em><\/p>\n<p><strong>Eh<\/strong>re \/ <strong>ward<\/strong> euch und \/ <strong>Sieg<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> doch \/ <strong>nur<\/strong> der \/ <strong>Ruhm<\/strong> kam zu- \/ <strong>r\u00fcc<\/strong>ke,<\/p>\n<p>Hier hatte Wilhelm von Humboldt den Daktylus &#8222;Ruhm kam zu-&#8220; angemerkt aufgrund der starken Nebenhebung auf dem &#8222;kam&#8220;. Schiller wusste den Fall in seinem Antwortschreiben spitzfindig zu verteidigen: Das kl\u00e4nge nicht hart,<\/p>\n<p><em>weil der starke Akzent auf &#8222;Ruhm&#8220; das &#8222;kam&#8220; gar nicht aufkommen l\u00e4sst. Mir kommt vor, als k\u00f6nnte man es nicht nur entschuldigen, sondern sogar guthei\u00dfen, dass, um gewissen Silben, auf denen ein Verstandes-Akzent liegt, eine gr\u00f6\u00dfere prosodische L\u00e4nge zu verschaffen, eine an sich nicht kurze Silbe neben ihnen kurz gemacht wird; wenigstens muss das &#8222;Ruhm&#8220; in obigem Vers um so l\u00e4nger gelesen werden, je weniger das &#8222;kam&#8220; kurz sein will, und dies ist es gerade, was der Sinn verlangt.<\/em><\/p>\n<p>Aha! Das &#8222;kam&#8220; hat also ein gewisses Eigengewicht, und um die normale Beziehung zu der betonten Silbe &#8222;Ruhm&#8220; aufrechterhalten zu k\u00f6nnen, muss diese etwas st\u00e4rker als normal betont werden; das aber entspricht der Sinnstruktur des Verses.<\/p>\n<p>Leuchtet ein. Am Schluss hat Schiller dann aber weder entschuldigt noch gutgehei\u00dfen, sondern ge\u00e4ndert:<\/p>\n<p><em>Ehre ward euch und Sieg, doch der Ruhm nur kehrte zur\u00fccke,<\/em><\/p>\n<p><strong>E<\/strong>hre \/ <strong>ward<\/strong> euch und \/ <strong>Sieg<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> doch der \/ <strong>Ruhm<\/strong> nur \/ <strong>kehr<\/strong>te zu- \/ <strong>r\u00fcc<\/strong>ke,<\/p>\n<p>Mir scheint, er hat gut daran getan &#8211; dadurch, dass die Betonung nun auf dem &#8222;kehr-&#8220; liegt statt auf des unwichtigeren &#8222;nur&#8220;, das &#8222;nur&#8220; aber in der zweisilbigen Einheit durchaus sein Gewicht hat, hat der Vers an Sch\u00e4rfe gewonnen in meinen Ohren. Obwohl die erste Fassung auch ihren Wert hatte!<\/p>\n<p>\u00c4hnlich liegt die Sache bei folgendem Vers:<\/p>\n<p><em>Unter mir seh ich endlos den \u00c4ther, \u00fcber mir endlos,<\/em><\/p>\n<p><strong>Un<\/strong>ter mir \/ <strong>seh<\/strong> ich \/ <strong>end<\/strong>los den \/ \u00c4ther, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <strong>\u00fc<\/strong>ber mir \/ <strong>end<\/strong>los,<\/p>\n<p>Hier wurde von Humboldt und Schiller nicht der Verseinschnitt verhandelt, der zwar vor einer Einheit liegt, aber vor der f\u00fcnften, wo es ja geht, sondern derDaktylus &#8222;endlos den&#8220;\u00a0 &#8211; nat\u00fcrlich wegen der Nebenhebung auf &#8222;los&#8220;. Schiller \u00e4ndert auch hier:<\/p>\n<p><em>Endlos unter mir seh&#8216; ich den \u00c4ther, \u00fcber mir endlos,<\/em><\/p>\n<p><strong>End<\/strong>los \/ <strong>un<\/strong>ter mir \/ <strong>seh<\/strong> ich den \/ <strong>\u00c4<\/strong>ther, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> <strong>\u00fc<\/strong>ber mir \/ <strong>end<\/strong>los,<\/p>\n<p>Das &#8222;Endlos&#8220; bildet in dieser Fassung eine zweisilbige Einheit (statt Bestandteil einer dreisilbigen zu sein) &#8211; ein Gewinn, weil die Nebenhebung auf dem &#8222;-los&#8220; nun hilft, die zweisiblge Einheit gegen\u00fcber den im Prinzip nat\u00fcrlich schwereren dreisilbigen Einheiten sich behaupten zu lassen. Auch insgesamt gewinnt der Vers betr\u00e4chtlich, wie schon sein Verfasser gegen\u00fcber Humboldt anmerkt:<\/p>\n<p><em>Dass der ganze Hexameter zwischen den beiden &#8222;endlos&#8220; eingeschlossen wird, macht hier, wo das Unendliche vorgestellt wird, keine \u00fcble Wirkung. Es ist selbst etwas Ewiges, da es in seinen Anfang zur\u00fcckl\u00e4uft.<\/em><\/p>\n<p>Na, soweit erstmal. Im zweiten Teil dann einige Verse, bei denen durch die \u00c4nderung \u00fcberhaupt erst das Licht aufscheint im Vers, oder F\u00e4lle, wo Schiller einen eigentlich guten Vers bis an die Grenze der Form ausreizt der gesteigerten Wirkung wegen &#8211; also die wirklich aufsehenerregenden F\u00e4lle &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schiller verbessert (1) 1795 schrieb Schiller die 108 Distichen seiner zu recht ber\u00fchmten &#8222;Elegie&#8220;. Sp\u00e4ter nannte er das Gedicht um in &#8222;Der Spaziergang&#8220;, k\u00fcrzte es dabei um acht Distichen und \u00e4nderte auch bei den verbleibenden Versen einiges. Von den 100 Hexametern des St\u00fccks wurden immerhin 30 ver\u00e4ndert! Die \u00c4nderungen waren dabei manchmal sehr geringf\u00fcgig, machmal&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=710\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (9)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-710","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/710","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=710"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/710\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":721,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/710\/revisions\/721"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=710"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=710"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=710"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}