{"id":7512,"date":"2017-04-09T22:11:59","date_gmt":"2017-04-09T21:11:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=7512"},"modified":"2017-04-09T22:14:09","modified_gmt":"2017-04-09T21:14:09","slug":"eine-vergessene-strophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=7512","title":{"rendered":"Eine vergessene Strophe"},"content":{"rendered":"<p>In &#8222;Silenius&#8220; von Johann Peter Uz singt der im Titel genannte Silen in der ersten Strophe; die zweite beginnt so:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Muse sei verg\u00f6nnt, dir, Vater! nachzulallen!<br \/>\nIch h\u00f6r ihr Saitenspiel, ich h\u00f6r es schon erschallen;<br \/>\nSie wiederholt dein g\u00f6ttlich Lied.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und nun erwartet man, wenn man denn \u00fcberhaupt etwas erwartet, am ehesten die Vervollst\u00e4ndigung der Strophe durch ein weiteres Alexandriner-Reimpaar und einen sechsten, vierhebigen Vers, der mit dem vierhebigen dritten Vers reimt, sprich: eine Schweifreim-Strophe, gereimt <strong>aabccb<\/strong>. Aber es kommt ganz anders:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Muse sei verg\u00f6nnt, dir, Vater! nachzulallen!<br \/>\nIch h\u00f6r ihr Saitenspiel, ich h\u00f6r es schon erschallen;<br \/>\nSie wiederholt dein g\u00f6ttlich Lied.<br \/>\nDu sangst, wie ungest\u00fcm das finstre Chaos br\u00fcllte,<br \/>\nBis Erd&#8216; und blaue Flut und Luft und Feuer schied,<br \/>\nUnd sich die alte Zwietracht stillte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es folgen also tats\u00e4chlich zwei Alexandriner und ein Vierheber, aber die Reimform ist <strong>aabcbc<\/strong>! Das gibt, zusammen mit dem tiefen Sinneinschnitt nach dem dritten Vers, einen ganz eigenartigen H\u00f6reindruck, so als w\u00fcrden Versgestaltung und Reimgestaltung einander widersprechen, oder doch, zumindest: Nichts voneinander wissen wollen.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel f\u00fcr diese Form, wieder von Uz &#8211; eine Strophe aus seiner &#8222;Fr\u00f6hlichen Dichtkunst&#8220;. Die ersten drei Verse:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einst lag ich sorgenvoll im Schatten finstrer Buchen,<br \/>\nWo sich ein tr\u00e4ger Bach, den Faunen blo\u00df besuchen,<br \/>\nDurch eimsames Gefilde wand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder das Alexandriner-Reimpaar, dem der Vierheber folgt, und der tiefe Sinneinschnitt. Und dann? Wieder keine Schweifreimstrophe, sondern das Reimschema <strong>aabcbc<\/strong>; aber diesmal mit noch anderen Versen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einst lag ich sorgenvoll im Schatten finstrer Buchen,<br \/>\nWo sich ein tr\u00e4ger Bach, den Faunen blo\u00df besuchen,<br \/>\nDurch eimsames Gefilde wand.<br \/>\nMein Saitenspiel verga\u00df der Sch\u00f6nen,<br \/>\nUnd meine scherzgewohnte Hand<br \/>\nVerirrte sich zu trauervollen T\u00f6nen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die zweite Strophenh\u00e4lfte bilden ein weiblich schlie\u00dfender Vierheber, ein zweiter m\u00e4nnlich schlie\u00dfender Vierheber &#8211; und ein weiblich schlie\u00dfender F\u00fcnfheber!<\/p>\n<p>Schaut man nach diesen Beispielen noch einmal auf K\u00e4stners gestern vorgestellten Text &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den Sternturm musst ein J\u00fcngling oft besteigen,<br \/>\nSein Lehrer wollt ihm da die Venus zeigen,<br \/>\nUnd das bei hellem Sonnenschein.<br \/>\nAls beide manchen Weg sich nun umsonst gemacht,<br \/>\nFand, ohne Lehrer, ganz allein,<br \/>\nDer J\u00fcngling sie bei Nacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8230; wird auch dort dieses Muster sichtbar. Also vielleicht gar kein so &#8222;madrigalischer&#8220; Text; aber weil er keine zweite Strophe hat, kann man nur aus ihm selbst heraus nichts anderes erkennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In &#8222;Silenius&#8220; von Johann Peter Uz singt der im Titel genannte Silen in der ersten Strophe; die zweite beginnt so: &nbsp; Der Muse sei verg\u00f6nnt, dir, Vater! nachzulallen! 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