{"id":788,"date":"2014-02-06T02:06:43","date_gmt":"2014-02-06T00:06:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=788"},"modified":"2014-02-06T02:12:13","modified_gmt":"2014-02-06T00:12:13","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=788","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (11)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eduard M\u00f6rikes &#8222;Epistel&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6rikes &#8222;Epistel&#8220; ist eine recht kurze Hexameter-Dichtung:<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nWie sich dein neuer Poet in unserem Kreise gefalle?<br \/>\nNicht zum besten. Er meint, man verst\u00fcnd ihn eben auch hier nicht.<br \/>\nJetzo hat er ein griechisches Epos, h\u00f6r ich, die Argo-<br \/>\nnauten, heroische Form, auf dem Amboss. Segn\u2019 es der Gott ihm,<br \/>\nAber zu lesen begehr ich es nicht. Glaub mir, das ist auch so<br \/>\nEins von den sauren Genies, dergleichen wir mehrere kennen.<br \/>\nWortkarg streicht er den Schnurrbart sich, wie verstimmt und befangen,<br \/>\nWenn man des Trefflichsten irgend gedenkt von den Alten und Neuen;<br \/>\nOder er m\u00e4kelt daran mit kleinlichem Tadel, von fern erst,<br \/>\nBis er, hitziger werdend im Streit, Ma\u00dfloses daherschwatzt<br \/>\nUnd wie ein st\u00e4tischer Esel hinausschl\u00e4gt, wo es auch hintrifft.<br \/>\nDas sind schlimme Symptome. &#8211; Vernimm ein homerisches Gleichnis<br \/>\n(Pflegten wir doch vormals in parodischer Laune zuweilen<br \/>\nStundenlang nach der Weise des g\u00f6ttlichen Alten zu reden)<br \/>\nGleichwie die gelbliche Birne zur Herbstzeit, wenn sie gereifet<br \/>\nFiel vom Ast und im Fall von der dornigen Hecke verwundet<br \/>\nLiegt am Boden, alsbald mit schw\u00e4rmenden Wespen bedeckt ist,<br \/>\nWelche sie rings aush\u00f6hlen, die gierigen Kiefer bewegend &#8211;<br \/>\nAlso strotzet sein Herz von wilden Gedanken der Ehrsucht<br \/>\nUnd des verzehrenden Neids. Ihn blendete v\u00f6llig ein D\u00e4mon.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nIn diesem kurzen St\u00fcck h\u00f6rt man schon den ganzen M\u00f6rike: Freundschaftlich und humorvoll im Ton behandelt er nicht irgendwelche gewichtigen Weltfragen, sondern erz\u00e4hlt von dem Eindruck, den jemand im pers\u00f6nlichen Aufeinandertreffen hinterlassen hat. Sein Hexameter passt sich dem an, er ist sich seiner selbst bewusst und flie\u00dft dabei unaufgeregt-heiter dahin, ohne langweilig zu wirken. Zum lockeren Ton passt nat\u00fcrlich auch der spielerische Bezug auf die Antike.<\/p>\n<p>Ein paar der Verse sind vom Aufbau her recht bemerkenswert.<\/p>\n<p><em>Bis er, hitziger werdend im Streit, Ma\u00dfloses daherschwatzt<\/em><\/p>\n<p>Hier gibt es dieselbe Abweichung vom der Hexameter-Form zu beobachten wie bei Schiller:<\/p>\n<p><strong>Bis<\/strong> er, \/ <strong>hit<\/strong>ziger \/ <strong>wer<\/strong>dend im \/ <span style=\"color: #ff0000\"><strong>Streit<\/strong>, || Ma\u00df- \/ <strong>los<\/strong><\/span>es da- \/ <strong>her<\/strong>schwatzt<\/p>\n<p>Das &#8222;Ma\u00df-&#8220; von &#8222;Ma\u00dfloses&#8220;, das ja eigentlich die Betonung tragen m\u00fcsste, wird auf die Stelle einer unbetonten Silbe gesetzt, und das nat\u00fcrlich auch, aber eben schw\u00e4cher betonte &#8222;-los-&#8220; rutscht auf die betonte Versstelle. Wieder bleibt, wenn man nicht gegen den Versbau lesen will, nur die M\u00f6glichkeit, die drei Silben &#8222;Streit, Ma\u00dflos-&#8220; mit demselben Nachdruck zu sprechen.<\/p>\n<p>Diese Erscheinung r\u00fchrt aus der Zeit her, als die deutschen Dichter durch Versuch und Irrtum erprobt haben, wie stark der deutsche Hexameter die Eigenheiten des antiken Hexameters \u00fcbernehmen soll, kann, darf. Dieser sogenannte &#8222;geschleifte Spond\u00e4us&#8220; wurde oft versucht, wirkt aber im deutschen Vers fremd und sollte daher als Bereicherung gesehen werden, die es aber sparsam einzusetzen gilt an Stellen, die eine Heraushebung verdienen.<\/p>\n<p>M\u00f6rike hat hier eine solche Gelegenheit und nutzt sie: Dadurch, dass sich ja gewisserma\u00dfen eine zus\u00e4tzliche Betonung in den Vers schleicht, vertont er die geschilderte Ma\u00dflosigkeit aufs Sch\u00f6nste!<\/p>\n<p>Noch ein zweites Beispiel daf\u00fcr findet sich:<\/p>\n<p><em>Aber zu lesen begehr ich es nicht. Glaub mir, das ist auch so<\/em><\/p>\n<p>Hier ist die Versbetonung gar nicht so einfach aufzusp\u00fcren?!<\/p>\n<p><strong>A<\/strong>ber zu \/ <strong>le<\/strong>sen be- \/ <strong>gehr<\/strong> ich es \/ <span style=\"color: #ff0000\"><strong>nicht<\/strong>. || Glaub \/ <strong>mir<\/strong><\/span>, das ist \/ <strong>auch<\/strong> so<\/p>\n<p>Ausgerechnet das &#8222;glaub&#8220;, das in dieser Versgegend das prosodisch bei weitem gewichtigste Wort ist, steht auf einer unbetonten Stelle! Da bleibt nur, wie eben die drei roten Silben auf einer St\u00e4rke zu lesen. Was bewirkt das hier, was soll es nach M\u00f6rikes Absicht bewirken? Ich wei\u00df es auch nicht wirklich, aber ich nutze es immer, um dem &#8222;Glaub mir&#8220; einen beschw\u00f6renden Ton zu geben, was eigentlich auch ganz gut klappt.<\/p>\n<p>Na, und immer so weiter. Ich erg\u00e4nze einfach noch diese beiden Verse:<\/p>\n<p><em>Und wie ein st\u00e4tischer Esel hinausschl\u00e4gt, wo es auch hintrifft.<\/em><\/p>\n<p><em>Welche sie rings aush\u00f6hlen, die gierigen Kiefer bewegend &#8211;<\/em><\/p>\n<p>Das &#8222;homerische Gleichnis&#8220; gegen Ende ist im ersten Augenblick etwas verwirrend aufgrund des Satzbaus; &#8222;die gierigen Kiefer bewegend&#8220; habe ich mir dagegen sofort gemerkt. Sehr sch\u00f6ner Ausdruck! Jedenfalls weisen diese beiden Verse die n\u00e4mliche Eigenheit auf?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eduard M\u00f6rikes &#8222;Epistel&#8220; M\u00f6rikes &#8222;Epistel&#8220; ist eine recht kurze Hexameter-Dichtung: &nbsp; Wie sich dein neuer Poet in unserem Kreise gefalle? Nicht zum besten. Er meint, man verst\u00fcnd ihn eben auch hier nicht. Jetzo hat er ein griechisches Epos, h\u00f6r ich, die Argo- nauten, heroische Form, auf dem Amboss. 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