{"id":8126,"date":"2017-09-18T23:17:49","date_gmt":"2017-09-18T22:17:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=8126"},"modified":"2017-09-18T23:26:19","modified_gmt":"2017-09-18T22:26:19","slug":"die-bewegungsschule-58","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8126","title":{"rendered":"Die Bewegungsschule (58)"},"content":{"rendered":"<p>In vorgestrigen Eintrag wurde Peter Hacks zitiert, unter anderem mit diesem Satz (gesagt \u00fcber &#8222;Iamben&#8220;):<\/p>\n<p><em>Das Metrum setzt ein Erwartungsschema, und in dem Wechsel von Erf\u00fcllung und Nichterf\u00fcllung der Erwartung liegt der \u00e4sthetische Reiz.<\/em><\/p>\n<p>Dagegen ist nichts zu sagen, nur: wann ist ein Erwartungsschema erf\u00fcllt, wann nicht erf\u00fcllt? Und welches Erwartungsschema liegt einem iambischen Vers genau zugrunde?!<\/p>\n<p>Hm.<\/p>\n<p>Wenn man sich zum Beispiel den iambischen F\u00fcnfheber anschaut, der ja so aussieht:<\/p>\n<p>\u25e1 \u2014 \u25e1 \u2014 \u25e1 \u2014 \u25e1 \u2014 \u25e1 \u2014<\/p>\n<p>&#8230; dann ist noch keineswegs gesagt, dass sich dieser Vers auch iambisch bewegen wird; er kann genausogut troch\u00e4isch klingen oder amphybrachisch oder ganz anders. Man kann dieses MIschmasch, in dem viele, und viele sehr gute! Gedichte geschrieben sind, vielleicht &#8222;Alternationsbewegung&#8220; nennen?!<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten an die &#8222;metrische Erwartungshaltung&#8220; kommt aber eine &#8222;iambische Bewegung&#8220;, und die entsteht, wenn die h\u00f6rbaren Sinneinheiten, die &#8222;Wortf\u00fc\u00dfe&#8220;, mit den metrischen Einheiten \u00fcbereinstimmen!<\/p>\n<p>Beides, die &#8222;Alternationsbewegung&#8220; und die &#8222;iambische Bewegung&#8220;, steht am Anfang von Gertrud Kolmars &#8222;Die M\u00fcde&#8220; scharf geschieden nebeneinander:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies M\u00fcde, Fl\u00fcgellose ruht auf mir<br \/>\nSo wie ein gro\u00dfes, sanftes, goldnes Tier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8211; Im ersten Verspaar ist die iambische Bewegung, wenn \u00fcberhaupt, \u00e4u\u00dferst schwach vernehmbar: &#8222;auf mir&#8220; im ersten Vers, &#8222;so wie&#8220; im zweiten. Bestimmend sind die zweisilbigen W\u00f6rter der Form <span style=\"color: #ff0000\">\u2014 \u25e1<\/span> mit ihrer troch\u00e4ischen Wortbewegung. Das \u00e4ndert sich aber aufsehenerregend im zweiten Verspaar!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Uns tr\u00e4gt, was schwillt: ein Trank, der \u00fcberlief.<br \/>\nEs blickt mich an. Sein Blick ist gut und tief.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier stimmen Metrum und Bewegung fast vollst\u00e4ndig \u00fcberein, die beiden Verse sind so iambisch, wie sie irgend sein k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Uns tr\u00e4gt, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> was schwillt: <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ein Trank, <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> der \u00fcberlief.<br \/>\n\u25e1 \u2014 \/ \u25e1 \u2014 \/ \u25e1 \u2014 \/ \u25e1 \u2014 \/ \u25e1 \u2014<br \/>\nEs blickt <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> mich an. <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Sein Blick <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> ist gut <span style=\"color: #ff0000\">|<\/span> und tief.<br \/>\n\u25e1 \u2014 \/ \u25e1 \u2014 \/ \u25e1 \u2014 \/ \u25e1 \u2014 \/ \u25e1 \u2014<\/p>\n<p>Dadurch stellt sich auch eine f\u00fcr den iambischen F\u00fcnfheber sehr wichtige Gr\u00f6\u00dfe ein: Der Einschnitt nach der vierten Silbe. Ob er da ist oder nicht, und wenn ja, wie stark er ist: das pr\u00e4gt den Vers au\u00dferordentlich! Weiter zum dritten Verspaar:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es lastet schwerer und mein Atem hebt<br \/>\nEs nicht mehr auf. Sein Drachenmantel webt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier ist wieder eher die Alternationsbewegung zu sp\u00fcren, aber der zweite Vers bewahrt zumindest den Einschnitt nach der vierten Silbe. Den weist auch das vierte Verspaar auf, das dadurch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig, aber doch erkennbar iambisch klingt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ins D\u00fcster sich. Ein Zackenkrallen spinnt,<br \/>\nDrum schale Milch zu einem Mohnkopf rinnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das f\u00fcnfte und sechste Verspaar sind sehr weit weg von der iambischen Bewegung, erst im letzten Vers taucht der Einschnitt nach der vierten Silbe wieder auf und f\u00fchrt aus der Alternationsbewegung:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun darf ich nur noch eigne Lieder sehn,<br \/>\nDie blau und gr\u00fcne Pfauenr\u00e4der drehn.<\/p>\n<p>Ich habe kein Gesicht mehr. Hauch wird Stein.<br \/>\nBed\u00e4chtig kehrt mein Schauen in mich ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fchrt aus&#8220;, denn: Das siebte Verspaar ist wieder von \u00e4u\u00dferst deutlicher iambischer Bewegung!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es steigt hinab, hinab, es f\u00e4llt, wird dicht.<br \/>\nDer Schwarzschlund sackt es ein: es wehrt sich nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wobei hier der Einschnitt einmal nicht ganz so deutlich, einmal sehr deutlich nicht hinter der vierten, sondern hinter der sechsten Silbe liegt. Aber auch dieser Einschnitt f\u00f6rdert die iambische Bewegung sehr!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das neunte Verspaar ist im ersten Verspaar nur milde, im zweiten etwas erkennbarer iambisch &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es sinkt geballt in tauben Mauerkern.<br \/>\nEs ist in sich. Nur seltsam klar und fern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8230; ehe das letzte Verspaar, das mit dem ersten Verspaar eine Art Rahmen aufspannt, auch dessen Alternationsbewegung wieder aufnimmt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Scheint auch dies M\u00fcde, Fl\u00fcgellose hier<br \/>\nSo wie ein kleines, silbern sanftes Tier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun ist das hier Beschriebene nicht unbedingt das, was Hacks unter &#8222;Erwartungsschema&#8220; versteht; aber ich denke doch, dass dieses Hinf\u00fchren zur und das anschlie\u00dfende Wegf\u00fchren von der Grundbewegung in die gleiche Richtung geht; und dass man, achtet man darauf, wie nah oder fern die eigenen Verse der iambischen Grundbewegung sind, viel st\u00e4rker als gestaltet erkennbare Vers schreibt, als wenn man sich ausschlie\u00dflich der Alternationsbewegung anvertraut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vorgestrigen Eintrag wurde Peter Hacks zitiert, unter anderem mit diesem Satz (gesagt \u00fcber &#8222;Iamben&#8220;): Das Metrum setzt ein Erwartungsschema, und in dem Wechsel von Erf\u00fcllung und Nichterf\u00fcllung der Erwartung liegt der \u00e4sthetische Reiz. 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