{"id":813,"date":"2014-02-08T01:39:46","date_gmt":"2014-02-07T23:39:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=813"},"modified":"2014-02-08T01:46:16","modified_gmt":"2014-02-07T23:46:16","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=813","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (19)"},"content":{"rendered":"<p>Nach 1870 sind in Deutschland viele Versepen und -erz\u00e4hlungen geschrieben worden, und viele davon waren sehr erfolgreich; und trotzdem sind diese &#8222;Kaiserreich-Texte&#8220; heute fast vollst\u00e4ndig vergessen und auch nicht wirklich lesbar. Das liegt, denke ich, an diesem \u00dcberzug aus Kitsch und Pathos, in den sich oft genug noch ein wenig Nationalismus mischt &#8211; damals verst\u00e4ndlich, heute verd\u00e4chtig. Dieser \u00dcberzug ist mal st\u00e4rker, mal schw\u00e4cher, aber da ist er eigentlich immer.<\/p>\n<p>In Friedrich Wilhelm Webers &#8222;Goliath&#8220; ist das nicht anders. Aber dar\u00fcber hinaus bekommt man im ersten Kapitel auch noch das wirkliche Leben aus dieser Zeit geschildert in einer Art einleitender Erz\u00e4hlung; was Grund genug ist, da einmal reinzulesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beim roten Freunde<\/strong><\/p>\n<p>Gedenkst du, lieber Magnus, noch des Tags &#8211;<br \/>\nIm Winter war&#8217;s; die hagren Spreeundinen<br \/>\nErstarrten schier in ihres Eispalasts<br \/>\nBleigrauer D\u00e4mmerung und frischten auf<br \/>\nBei reichlichem Gespr\u00e4ch und manchem Seufzer,<br \/>\nWie arme Fr\u00e4ulein tun, zu ihrem Putz<br \/>\nDes letzten Sommers halbverblichnen Staat,<br \/>\nIndes am Tor im weiten winddurchrauschten<br \/>\nTiergarten die Dyrade, warm umhegt<br \/>\nVom zarten Flaum des Schnees, gewiegt vom Nord<br \/>\nIn Eich&#8216; und F\u00f6hre schlief und tr\u00e4umte, tr\u00e4umte<br \/>\nVom jungen Lenz und seinem Liebeswerben;<br \/>\nGedenkst du noch des Tags, mein lieber Magnus,<br \/>\nAls uns zum ersten Mal der biedre Freund geladen?<br \/>\nDer rote hie\u00df er noch im engen Kreis,<br \/>\nWeil lichtes Gold ihm einst das Haupt umspann:<br \/>\nZu bleichem Silber war es l\u00e4ngst entwertet,<br \/>\nDoch um so reicher war sein kluger Kopf<br \/>\nAn feinem Witz und leuchtenden Gedanken.<br \/>\nDer alte Herr, ein lebend W\u00f6rterbuch,<br \/>\nEin Schalk wie Reineke, doch sonder Arg,<br \/>\nWeichherzig wie ein Kind und nebenbei<br \/>\nDes Rechts im Heer nicht allzu grimmer H\u00fcter.<br \/>\nDes Hauses Herrscherin, stets w\u00fcrdevoll<br \/>\nUnd gnadenreich, erschien an diesem Tag<br \/>\nIn schwerer, tief-burgunderroter Seide,<br \/>\nUnd trug sie diese, war sie jedesmal<br \/>\nMehr als gew\u00f6hnlich feierlich und gro\u00df.<\/p>\n<p>Die Guten beide, lange ruhn sie schon,<br \/>\nDem Weserwald, der sch\u00f6nen Heimat fern,<br \/>\nVon dir und mir beweint, im m\u00e4rk&#8217;schen Sand.<br \/>\nDie Tischgenossen, vier geheime R\u00e4te,<br \/>\nMit Frau&#8217;n und T\u00f6chtern, ein Chemieprofessor,<br \/>\nEin schmaler, schmucker F\u00e4hnrich, ein Major<br \/>\nUnd du und ich. Es war so schw\u00fcl im Saal,<br \/>\nWir sa\u00dfen steif und sprachen unterlaut:<br \/>\nDas tat die tief-burgunderrote Seide.<br \/>\nNur der Chemist, harth\u00f6rig, wie er war,<br \/>\nSchrie seiner Nachbarin, der blassen Dora,<br \/>\nDas leise Gabelklirren \u00fcbert\u00f6nend,<br \/>\nDen Nahrungswert von Kalb und K\u00e4s&#8216; und Kohl<br \/>\nIn Dezimalen bis zur f\u00fcnften Stelle<br \/>\nSo laut und lehrhaft zu, dass wir erschraken<br \/>\nUnd die gestrenge Dame hohen Haupts<br \/>\nNicht allzu liebreich auf den Graukopf blickte.<br \/>\nDann, als sie winkt&#8216; und heimlichen Befehl<br \/>\nDem Diener gab &#8211; ein frommes Blut vom Lande,<br \/>\nDem Herrn als Bursch vom Heere zugewiesen &#8211;<br \/>\nUnd jener, missverstehend, statt des S\u00fc\u00dfen,<br \/>\nDas sie bestellt, die K\u00fcchenlampe brachte, &#8211;<br \/>\nMagnus, du wei\u00dft, es war die K\u00fcchenlampe,<br \/>\nDie K\u00fcchenlampe war&#8217;s und nicht das S\u00fc\u00dfe! &#8211;<br \/>\nUnd nun die Gn\u00e4d&#8217;ge pl\u00f6tzlich dunkelrot,<br \/>\nRot wie die tief-burgunderrote Seide,<br \/>\nVoll schweren Unmuts auf den S\u00fcnder sah<br \/>\nMit finstrer Stirn und &#8222;Aber, Friedrich!&#8220; rief:<br \/>\nDa riss das Zauberband, das uns gel\u00e4hmt,<br \/>\nWir brachen aus in fr\u00f6hliches Gel\u00e4chter,<br \/>\nUnd Friedrichs arme Einfalt lachte mit,<br \/>\nUnd sie, die ernste Frau, sie lachte laut,<br \/>\nAm lautesten jedoch der rote Freund.<\/p>\n<p>Jetzt war, vom Weine feucht, die Zunge los,<br \/>\nUnd leichter glitt die Rede von der Lippe.<br \/>\nUnd w\u00e4hrend das Gespr\u00e4ch von dem und der,<br \/>\nVon dieser und von jenem und so weiter,<br \/>\nGleich raschen B\u00e4llen, die man f\u00e4ngt und wirft,<br \/>\nVon Mund zu Munde flog, erz\u00e4hltest du,<br \/>\nDerweil du weintest, a\u00dfest, trankst und weintest,<br \/>\nAus deinem Heimatland im Norden mir<br \/>\nVom Goliath die traurige Geschichte,<br \/>\nIch lauschte still und glaubte, wie du sprachst,<br \/>\nDen warmen Sommerduft von Norwegs Tannen,<br \/>\nDen Eishauch seiner Gletscher zu empfinden.<br \/>\nSo tief bewegte mich dein kurzes Wort,<br \/>\nDass ich es manchen Tag im Herzen trug,<br \/>\nWie man ein Kleinod wahrt im sichern Schrein.<\/p>\n<p>Und wiederhol&#8216; ich jetzt, was du mir gabst,<br \/>\nEs ist doch nimmer das, was du mir gabst<br \/>\nUnd miterlebt. Der Landschaft Riesengr\u00f6\u00dfe<br \/>\nMit Fels und Wald und See und Wasserfall,<br \/>\nDie stillen Menschen, ernst und treu und fest,<br \/>\nDen harten Klippen ihrer Berge gleich,<br \/>\nIn scharfen Z\u00fcgen stelltest du sie dar:<br \/>\nWie deine K\u00fcnstlerhand in reichen Farben<br \/>\nDie Gotteswunder, Fels und Wald und See<br \/>\nUnd stilles Leben auf die Leinwand zaubert.<\/p>\n<p>Tu&#8216; jeder, was er kann! Und so beginnt<br \/>\nVom Goliath die traurige Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine leicht mythologisch verbr\u00e4mte Einleitung kann sich ein Epos allemal leisten, denke ich; aber &#8222;der zarte Flaum des Schnees&#8220;, das &#8222;Liebeswerben des jungen Lenzes&#8220; &#8211; das sind so Dinge, in denen f\u00fcr mich der Kitsch sich zeigt?!<\/p>\n<p>Die eigentliche Schilderung der Tischgesellschaft liest sich dann angenehm, und einzelne Verse sind schon recht einpr\u00e4gsam: &#8222;Das tat die tief-burgunderrote Seide&#8220;. Und auch die ruhige Ausgeglichenheit, die Erz\u00e4hgeschwindigkeit machen keinen \u00fcblen Eindruck?!<\/p>\n<p>Na, soweit erst einmal. Ich denke, ich komme in einem sp\u00e4teren Eintrag\u00a0 noch einmal auf die eigentliche Geschichte zu sprechen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach 1870 sind in Deutschland viele Versepen und -erz\u00e4hlungen geschrieben worden, und viele davon waren sehr erfolgreich; und trotzdem sind diese &#8222;Kaiserreich-Texte&#8220; heute fast vollst\u00e4ndig vergessen und auch nicht wirklich lesbar. 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