{"id":8209,"date":"2017-10-05T23:13:36","date_gmt":"2017-10-05T22:13:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=8209"},"modified":"2017-10-06T09:53:55","modified_gmt":"2017-10-06T08:53:55","slug":"die-grosse-strophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8209","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe Strophe"},"content":{"rendered":"<p>Der Titel des Eintrags ist ein wenig gro\u00dfspurig; eine neunzeilige Strophe wie die folgende ist nicht wirklich &#8222;gro\u00df&#8220; im Sinne von umfangreich, aber doch gr\u00f6\u00dfer als das meiste, was im 19. und 20. Jahrhundert an gereimten Strophenformen verwendet wurde! Friedrich R\u00fcckert hat sie verwendet in einem recht bekannten Gedicht:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00a0Chidher<\/em><\/p>\n<p>Chidher, der ewig junge, sprach:<br \/>\nIch fuhr an einer Stadt vorbei,<br \/>\nEin Mann im Garten Fr\u00fcchte brach;<br \/>\nIch fragte, seit wann die Stadt hier sei?<br \/>\nEr sprach, und pfl\u00fcckte die Fr\u00fcchte fort:<br \/>\n&#8222;Die Stadt steht ewig an diesem Ort,<br \/>\nUnd wird so stehen ewig fort. &#8220;<br \/>\nUnd aber nach f\u00fcnfhundert Jahren<br \/>\nKam ich desselbigen Wegs gefahren.<\/p>\n<p>Da fand ich keine Spur der Stadt;<br \/>\nEin einsamer Sch\u00e4fer blies die Schalmei,<br \/>\nDie Herde weidete Laub und Blatt;<br \/>\nIch fragte: &#8222;Wie lang&#8216; ist die Stadt vorbei?&#8220;<br \/>\nEr sprach, und blies auf dem Rohre fort:<br \/>\n&#8222;Das eine w\u00e4chst, wenn das andre dorrt;<br \/>\nDas ist mein ewiger Weideort.&#8220;<br \/>\nUnd aber nach f\u00fcnfhundert Jahren<br \/>\nKam ich desselbigen Wegs gefahren.<\/p>\n<p>Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,<br \/>\nEin Schiffer warf die Netze frei:<br \/>\nUnd als er ruhte vom schweren Zug,<br \/>\nFragt&#8216; ich, seit wann das Meer hier sei?<br \/>\nEr sprach, und lachte meinem Wort:<br \/>\n&#8222;So lang&#8216; als sch\u00e4umen die Wellen dort,<br \/>\nFischt man und fischt man in diesem Port. &#8220;<br \/>\nUnd aber nach f\u00fcnfhundert Jahren<br \/>\nKam ich desselbigen Wegs gefahren.<\/p>\n<p>Da fand ich einen waldigen Raum,<br \/>\nUnd einen Mann in der Siedelei,<br \/>\nEr f\u00e4llte mit der Axt den Baum;<br \/>\nIch fragte, wie alt der Wald hier sei?<br \/>\nEr sprach: &#8222;Der Wald ist ein ewiger Hort;<br \/>\nSchon ewig wohn&#8216; ich an diesem Ort,<br \/>\nUnd ewig wachsen die B\u00e4um&#8216; hier fort.&#8220;<br \/>\nUnd aber nach f\u00fcnfhundert Jahren<br \/>\nKam ich desselbigen Wegs gefahren.<\/p>\n<p>Da fand ich eine Stadt, und laut<br \/>\nErschallte der Markt vom Volksgeschrei.<br \/>\nIch fragte: &#8222;Seit wann ist die Stadt erbaut?<br \/>\nWohin ist Wald und Meer und Schalmei?&#8220;<br \/>\nSie schrien, und h\u00f6rten nicht mein Wort:<br \/>\n&#8222;So ging es ewig an diesem Ort,<br \/>\nUnd wird so gehen ewig fort.&#8220;<br \/>\nUnd aber nach f\u00fcnfhundert Jahren<br \/>\nWill ich desselbigen Weges fahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dazu lie\u00dfe sich sicherlich auch inhaltlich vieles sagen; ich finde aber bez\u00fcglich der Form das Reimschema <strong>ababcccdd<\/strong> sehr bemerkenswert &#8211; da finden zwei scheInbar sehr unterschiedliche Reimmuster in derselben Strophe Verwendung, und doch wirkt alles wie eine vollkommene Einheit! Wobei sich R\u00fcckert als jemand, dem die Sprache f\u00fcr jede T\u00fcftelei willig zur Verf\u00fcgung stand, sich das Kunstst\u00fcck des in allen f\u00fcnf Strophen durchgehaltenen, dreifachen &#8222;-ort-Reims&#8220; nicht verkneifen kann &#8211; neben dem gleichfalls durchgehaltenen &#8222;-ei&#8220;-Reim im anf\u00e4nglichen Kreuzreim, selbstverst\u00e4ndlich &#8230;<\/p>\n<p>Ein noch etwas \u00e4lteres Beispiel ist Johann Wolfgang Goethes &#8222;Hochzeitslied&#8220;, eine Beispielstrophe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So rennet nun alles in vollem Galopp<br \/>\nUnd k\u00fcrt sich im Saale sein Pl\u00e4tzchen;<br \/>\nZum Drehen und Walzen und lustigen Hopp<br \/>\nErkieset sich jeder ein Sch\u00e4tzchen.<br \/>\nDa pfeift es und geigt es und klinget und klirrt,<br \/>\nDa ringelt&#8217;s und schleift es und rauschet und wirrt,<br \/>\nDa pispert&#8217;s und knistert&#8217;s und flistert&#8217;s und schwirrt,<br \/>\nDas Gr\u00e4flein, es blicket hin\u00fcber,<br \/>\nEs d\u00fcnkt ihn, als l\u00e4g&#8216; er im Fieber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist schon etwas mutwillig, aber trotzdem ein sch\u00f6nes Beispiel, was man mit dieser Strophe anstellen kann. Also, wer einmal etwas mehr Raum beanspruchen m\u00f6chte &#8211; hier ist eine Form, die es erm\u00f6glicht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel des Eintrags ist ein wenig gro\u00dfspurig; eine neunzeilige Strophe wie die folgende ist nicht wirklich &#8222;gro\u00df&#8220; im Sinne von umfangreich, aber doch gr\u00f6\u00dfer als das meiste, was im 19. und 20. Jahrhundert an gereimten Strophenformen verwendet wurde! Friedrich R\u00fcckert hat sie verwendet in einem recht bekannten Gedicht: &nbsp; \u00a0Chidher Chidher, der ewig junge,&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8209\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Die gro\u00dfe Strophe<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-8209","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8209","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8209"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8209\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8214,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8209\/revisions\/8214"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}