{"id":824,"date":"2014-02-09T02:44:02","date_gmt":"2014-02-09T00:44:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=824"},"modified":"2014-02-09T02:53:16","modified_gmt":"2014-02-09T00:53:16","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=824","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (12)"},"content":{"rendered":"<div class=\"postbody\">\n<p><strong>\u00dcber Daktylen (2)<\/strong><\/p>\n<p>Ein kurzer Nachtrag zu &#8222;Der Hexameter (8)&#8220;, also einige erg\u00e4nzende Gedanken zum &#8222;Daktylus&#8220;.<\/p>\n<p>Um 1740 f\u00fchlten sich die deutschen Dichter eingeengt vom allesbeherrschenden gereimten Alexandriner und fingen an, nach anderen M\u00f6glichkeiten zu suchen. Johann Peter Uz schuf eine reimlose Strophe, in der er die eigentlich einsilbigen Senkungen des Alexandriners manchmal zweisilbig f\u00fcllte, und diesen Vers dann mit einem Vierheber abwechselte. So entstand sein vielbeachteter &#8222;Fr\u00fchling&#8220;, der sich sp\u00e4ter durchaus als ein Schritt auf dem Weg zum deutschen Hexameter erweisen sollte. Die erste Strophe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"postbody\">\n<p>Ich will, vom Weine berauscht, die Lust der Erde besingen,<br \/>\nIch will die Zierde der Auen erh\u00f6hn,<br \/>\nDen Fr\u00fchling, welcher anitzt, durch Florens H\u00e4nde bekr\u00e4nzet,<br \/>\nSiegprangend unsre Gefilde beherrscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"postbody\">\n<p>Bemerkenswert ist nun, wie peinlich genau Uz darauf achtet, die zweisilbigen Senkungen mit dem zu besetzen, was Kauffmann (siehe &#8222;H. 8&#8220;) eine &#8222;doppelte Senkung&#8220; nennt (&#8222;es tritt keine Abstufung hervor&#8220;)!<\/p>\n<p>Ich will, vom <span style=\"color: #ff0000\"><strong>Wei<\/strong>ne be<\/span>rauscht, die Lust der <span style=\"color: #ff0000\"><strong>Er<\/strong>de be<\/span>singen,<br \/>\nIch will die <span style=\"color: #ff0000\"><strong>Zier<\/strong>de der <strong>Au<\/strong>en er<\/span>h\u00f6hn,<br \/>\nDen Fr\u00fchling, <span style=\"color: #ff0000\"><strong>wel<\/strong>cher an<\/span>itzt, durch Florens <span style=\"color: #ff0000\"><strong>H\u00e4n<\/strong>de be<\/span>kr\u00e4nzet,<br \/>\nSiegprangend <span style=\"color: #ff0000\"><strong>un<\/strong>sre Ge<strong>fil<\/strong>de be<\/span>herrscht.<\/p>\n<p>Das scheint mir ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr, wie der Wille zur formalen Gestaltung die Sprache pr\u00e4gt. Die Anzahl der W\u00f6rter mit Vorsilbe ist unglaublich hoch, w\u00e4hrend die einsilbigen Pr\u00e4positionen immer als einsilbige Senkung auftauchen:<\/p>\n<p>Ich <span style=\"color: #ff0000\"><strong>will<\/strong>, vom<\/span> Weine berauscht, die Lust der Erde besingen,<br \/>\nIch will die Zierde der Auen erh\u00f6hn,<br \/>\nDen Fr\u00fchling, welcher an<span style=\"color: #ff0000\"><strong>itzt<\/strong>, durch<\/span> Florens H\u00e4nde bekr\u00e4nzet,<br \/>\nSiegprangend unsre Gefilde beherrscht.<\/p>\n<p>Manchmal steht eine solche Pr\u00e4position auch als Hebung, fast nie in siebzehn Strophen aber als Bestandteil einer zweisilbigen Senkung. Eine Ausnahme:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"postbody\">\n<p>Was lebt, im Wasser, auf Erd und in den ewigen H\u00f6hen;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was lebt, im <span style=\"color: #ff0000\"><strong>Was<\/strong>ser, auf<\/span> Erd und in den ewigen H\u00f6hen;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"postbody\">\n<p>Hier sind alle drei Arten vertreten: &#8222;lebt im&#8220; (Pr\u00e4position als einsilbige Senkung), &#8222;in den&#8220; (Pr\u00e4position als Hebung), und eben &#8222;Wasser auf&#8220; &#8211; einer von Kauffmanns &#8222;echten Daktylen&#8220;.<\/p>\n<p>Es spricht f\u00fcr den Dichter Uz, dass sich im Gedicht selbst diese gestalterischen \u00dcberlegungen \u00fcberhaupt nicht bemerkbar machen &#8211; die Sprache wirkt \u00fcberall v\u00f6llig nat\u00fcrlich, obwohl durch die Beschr\u00e4nkung auf diese eine Daktylen-Art sehr viele Gestaltungsm\u00f6glichkeiten wegfallen.<\/p>\n<p>Schlussendlich hat sich Uz, wie bekannt, aber nicht durchgesetzt mit dieser Form der zweisilbigen Senkung. Die anderen Arten liegen zu nahe und sind zu sehr Bestandteil des Deutschen, als dass es Sinn machen w\u00fcrde, sie auszuschlie\u00dfen. Gerade die &#8222;echten Daktylen&#8220;, die als zweite unbetonte Silbe eine Pr\u00e4position haben, haben ja auch einen gro\u00dfen Vorteil: Durch sie schneiden sich im allgemeinen metrische Einheit und Sinneinheit, was den Vers lebhaft h\u00e4lt. Ein Hexameter-Beispiel, der Beginn von H\u00f6lderlins <em>Archipelagus<\/em>:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"postbody\">\n<p>Kehren die Kraniche wieder zu dir, und suchen zu deinen<br \/>\nUfern wieder die Schiffe den Lauf? (&#8230;)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Keh<\/strong>ren die \/ <strong>Kra<\/strong>niche \/ <span style=\"color: #ff0000\"><strong>wie<\/strong>der zu<\/span> \/<strong> dir<\/strong>,<span style=\"color: #ff0000\"><strong> ||<\/strong><\/span> und \/ <span style=\"color: #ff0000\"><strong>su<\/strong>chen zu<\/span> \/ <strong>dei<\/strong>nen<\/p>\n<p>Nun ist &#8222;zu&#8220; ja nicht eben ein schweres Wort, und der Sinneinschnitt ist auch sehr leicht &#8211; aber es ist eben doch eine Form der Gestaltung, die sinnvoll ist und bei Uz nicht m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Daktylen (2) Ein kurzer Nachtrag zu &#8222;Der Hexameter (8)&#8220;, also einige erg\u00e4nzende Gedanken zum &#8222;Daktylus&#8220;. Um 1740 f\u00fchlten sich die deutschen Dichter eingeengt vom allesbeherrschenden gereimten Alexandriner und fingen an, nach anderen M\u00f6glichkeiten zu suchen. Johann Peter Uz schuf eine reimlose Strophe, in der er die eigentlich einsilbigen Senkungen des Alexandriners manchmal zweisilbig f\u00fcllte,&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=824\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (12)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-824","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/824","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=824"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/824\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":829,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/824\/revisions\/829"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=824"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}