{"id":8322,"date":"2017-11-01T23:49:07","date_gmt":"2017-11-01T22:49:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=8322"},"modified":"2017-11-02T06:44:36","modified_gmt":"2017-11-02T05:44:36","slug":"erzaehlformen-das-distichon-103","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8322","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Das Distichon (103)"},"content":{"rendered":"<p>1893 erschienen Ferdinand von Saars &#8222;Wiener Elegien&#8220; und z\u00e4hlten rasch zu seinen erfolgreichsten Dichtungen; heute wirken sie ein wenig veraltet, man kann sie aber noch gut lesen, jedenfalls da, wo der weite Raum der Distichen zur unaufgeregten Schilderung\u00a0 der Wiener Verh\u00e4ltnisse genutzt wird. Als Beispiel die zehnte Elegie:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sieh, schon wirbeln die Flocken um ragende D\u00e4cher; es sausen<br \/>\nEisige Winde mit Macht durch die rings offene Stadt.<br \/>\nJa, der Winter ist da! Mit ihm erschienen die Freuden,<br \/>\nWelche der St\u00e4dter schon l\u00e4ngst sommerverdrossen ersehnt.<br \/>\nAlle Theater gef\u00fcllt, Applaus ersch\u00fcttert den Tonsaal \u2013<br \/>\nUnd so bewegt sich auch Wien wieder im alten Geleis.<br \/>\nAmt und Gesch\u00e4ft durchkreuzen die Stra\u00dfen, auf glitschigem Pflaster<br \/>\nHumpelt der Omnibus, rast der Fiaker dahin;<br \/>\nEquipagen dazwischen, von stolzen Trabern gezogen,<br \/>\nHalten vor jedem Palast, wo man Besuche empf\u00e4ngt;<br \/>\nStattliche Leute zu Fu\u00df vereint der gewohnte Spaziergang,<br \/>\nWohlig in Pelze geh\u00fcllt schreiten sie \u00fcber den Ring.<br \/>\nAber vergn\u00fcglicher noch hineilen die Sch\u00f6nen zum Eisplatz,<br \/>\nWo der geschmeidige Wuchs sich am geschmeidigsten zeigt.<br \/>\nKnapp umschlie\u00dft ihn die w\u00e4rmende Jacke; auf braunen und blonden<br \/>\nH\u00e4uptern sitzen kokett M\u00fctzen, mit Zobel verbr\u00e4mt.<br \/>\nHui, wie fliegt sich&#8217;s dahin auf leicht einritzendem Schlittschuh,<br \/>\nDen mit bebender Hand kniend der J\u00fcngling geschnallt!<br \/>\nSieh nur den zierlichen Reigen! Es trennen und flieh&#8217;n sich die Paare,<br \/>\nAber in reizendem Bug kehren sie wieder zur\u00fcck.<br \/>\nLiebliches Meiden und Finden \u2013 gemeinsam wonniges Kreisen,<br \/>\nBis die D\u00e4mmerung webt um das lebendige Bild.<br \/>\nAber da zuckt auch empor das elektrische Licht und umschimmert<br \/>\nMagisch den spiegelnden Plan und die Gestalten darauf.<br \/>\nAch, wer entfernte sich jetzt? Erstarren die Finger im M\u00fcffchen,<br \/>\nSp\u00fcrt auch das N\u00e4schen den Frost \u2013 lodert in Flammen das Herz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehr anschaulich! Und auch die Verse sind unaufgeregt und sicher gebaut; hier gibt es eine Nachl\u00e4ssigkeit (zum Beispiel einen sehr schwachen zweisilbigen\u00a0 Versfu\u00df), dort eine Besonderheit (etwa einen geschleiften Spondeus), doch insgesamt ist da ein Eindruck von Ruhe und Verl\u00e4sslichkeit?!<\/p>\n<p>Und wer einen Vergleich haben m\u00f6chte: In <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/2013\/12\/17\/klopstocks-schulter-7\/\">Klopstocks Schulter (7) <\/a>steht (unter anderem), was Goethe in &#8222;Dichtung\u00a0 uund Wahrheit&#8220; \u00fcber das Schlittschuhlaufen zu sagen hat!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1893 erschienen Ferdinand von Saars &#8222;Wiener Elegien&#8220; und z\u00e4hlten rasch zu seinen erfolgreichsten Dichtungen; heute wirken sie ein wenig veraltet, man kann sie aber noch gut lesen, jedenfalls da, wo der weite Raum der Distichen zur unaufgeregten Schilderung\u00a0 der Wiener Verh\u00e4ltnisse genutzt wird. Als Beispiel die zehnte Elegie: &nbsp; Sieh, schon wirbeln die Flocken um&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8322\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Das Distichon (103)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-8322","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8322"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8325,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8322\/revisions\/8325"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}