{"id":8434,"date":"2017-11-28T23:00:32","date_gmt":"2017-11-28T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=8434"},"modified":"2017-11-29T01:05:32","modified_gmt":"2017-11-29T00:05:32","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-122","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8434","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (122)"},"content":{"rendered":"<p>Als 1771 Johann George Scheffners &#8222;Gedichte im Geschmack des Gr\u00e9court&#8220; erschienen, war die Aufregung gro\u00df: Nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Zeit waren sie ungemein freiz\u00fcgig. Was sich dann zum Beispiel so las &#8211; das Ende von &#8222;Ein lehrreicher Traum&#8220;, in dem Amor einem schlafenden Mann erscheint und ihn anspricht:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Dies ist&#8220;, hier wies er seinen kleinen Szepter,<br \/>\n&#8222;Der Heber, der die wundert\u00e4t&#8217;gen S\u00e4fte<br \/>\nWoll\u00fcstig eintrinkt, und dann aus sich spritzt;<br \/>\nLeg ihn nur an den Rand der Nektarschale,<br \/>\nEr wird sich bald mit ihr vertraut vereinigen,<br \/>\nUnd wei\u00dfer Schaum wird ihn und sie umziehn.<br \/>\nF\u00fcll lang, begl\u00fcckter J\u00fcngling, Chloens Becher,<br \/>\nEr \u00f6ffne sich, wenn du dich d\u00fcrstig n\u00e4herst,<br \/>\nWie Rosen, wenn sich West und Sonne nah&#8217;n,<br \/>\nUnd wenn du gnung aus diesem Kelch getrunken,<br \/>\nDann k\u00fcss zur St\u00e4rkung Chloens vollen Busen,<br \/>\nUnd trinke Wein aus ihrer hohlen Hand.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heutzutage ist die Reaktion auf derlei vielleicht etwas unaufgeregter &#8230; Betrachtet man den Vers, so f\u00e4llt auf, dass der f\u00fcnfte Vers ein wenig unregelm\u00e4\u00dfig ist: &#8222;vereinigen&#8220;, was man aber einfach als &#8222;verein&#8217;gen&#8220; lesen kann oder eben mit zweisilbig besetzter Schlusssenkung. In der erweiterten Ausgabe &#8222;Gedichte nach dem Leben&#8220; (1792) ist auch dieser Gedichtschluss erweitert:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Dies ist&#8220;, hier wies er seinen kleinen Szepter,<br \/>\n&#8222;Des Allgewalt die Sch\u00e4ferin und F\u00fcrstin<br \/>\nErkennen, und der sie oft bis zur Ohnmacht r\u00fchrt,<br \/>\nDies ist der Heber, dessen wundert\u00e4t&#8217;ges Druckwerk<br \/>\nDie Menschensaat zum Mutterscho\u00dfe f\u00fchrt.<br \/>\nLeg ihn nur an den Rand der Nektarquelle,<br \/>\nIhr mildes Nass wird ihm die Wege gl\u00e4tten<br \/>\nUnd mischt sich gern mit ihrem Lebens\u00f6l.<br \/>\nF\u00fcll lang und flei\u00dfig Chloens Becher,<br \/>\nEr \u00f6ffnet sich, wenn du dich durstig n\u00e4herst,<br \/>\nWie Rosen, wenn sich West und Sonne nahen;<br \/>\nUnd wenn nach manchem Meisterzug aus ihm<br \/>\nEin kleiner M\u00fcdheitsschau&#8217;r dich \u00fcberf\u00e4llt,<br \/>\nDann k\u00fcss zur St\u00e4rkung Chloens Schwanenbusen,<br \/>\nSchl\u00fcrf etwas Wein aus ihrer Hand:<br \/>\nDoch wenn vom Wein und diesem St\u00e4rkungskusse<br \/>\nDie Lust zum Trunk aus meinem Lieblingssch\u00e4lchen<br \/>\nNicht wiederkehrt, dann leg dich hin und &#8211; schlaf.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erweitert ist dabei auch die Unregelm\u00e4\u00dfigkeit &#8211; V3 und V4 sind entweder sechshebig oder haben zwei doppelt \/ mehrfach besetzte Senkungen, zus\u00e4tzlich stellt sich ein Reim ein (V3, V5)! Sehr eigenartig &#8230; Am Ende, im viertletzten Vers, ist dann noch ein Vers zu einem Vierheber verk\u00fcrzt, wobei die lange Sprechpause aber den fehlenden Versfu\u00df halbwegs ausgleicht?!<\/p>\n<p>Inhaltlich l\u00e4uft der Text nicht mehr einfach aus, sondern g\u00f6nnt sich noch eine kleine Pointe; das tut ihm sicher gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als 1771 Johann George Scheffners &#8222;Gedichte im Geschmack des Gr\u00e9court&#8220; erschienen, war die Aufregung gro\u00df: Nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der Zeit waren sie ungemein freiz\u00fcgig. Was sich dann zum Beispiel so las &#8211; das Ende von &#8222;Ein lehrreicher Traum&#8220;, in dem Amor einem schlafenden Mann erscheint und ihn anspricht: &nbsp; &#8222;Dies ist&#8220;, hier wies er seinen&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8434\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (122)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-8434","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8434","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8434"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8434\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8438,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8434\/revisions\/8438"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8434"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8434"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8434"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}