{"id":86,"date":"2013-12-13T00:39:34","date_gmt":"2013-12-12T22:39:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=86"},"modified":"2013-12-13T01:22:17","modified_gmt":"2013-12-12T23:22:17","slug":"erzaehlverse-der-iambische-trimeter-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=86","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der iambische Trimeter (3)"},"content":{"rendered":"<p>Nochmal zur\u00fcck zu den &#8222;Einschnitten an anderen Stellen&#8220; &#8211; da kann man eigentlich alles versuchen; nur bei zwei Schnitten ist Vorsicht geboten. Das ist, zum einen, der Schnitt in der genauen Mitte des Verses:<\/p>\n<p>x X x X x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X x X x X<\/p>\n<p>Durch diesen Einschnitt zerf\u00e4llt der Vers in zwei genau gleiche Teilverse, und wenn das in einem Text zu oft geschieht, h\u00f6rt das Ohr am Ende nur noch die k\u00fcrzeren Verse statt eines unterteilten langen. Das sollte man tunlichst vermeiden, und daher auch diesen Einschnitt wirklich nur sehr selten in den Text lassen!<\/p>\n<p>Der zweite Fall liegt \u00e4hnlich &#8211; hier gibt es zwei Einschnitte, wogegen an sich nichts zu sagen ist; nur teilen diese beiden Schnitte den Text in drei gleichgro\u00dfe Teilverse:<\/p>\n<p>x X x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X x X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x X x X<\/p>\n<p>Das klingt nicht ganz so deutlich durch wie der erste Fall, aber ich denke, man sollte trotzdem sparsam umgehen mit diesem Einschnitt.<\/p>\n<p>Ich lasse\u00a0 einen etwas l\u00e4ngeren Text von Conrad Ferdinand Meyer folgen. Er hat einen antiken Gegenstand, Achill; f\u00fcr solche Inhalte bietet sich der Vers durch seine Herkunft sicher auch an. Aber eigentlich kann man ihn f\u00fcr jedweden Inhalt nutzen, und man hat es auch!<\/p>\n<p>Am Ende des Textes schaue ich dann noch auf einige Verse mit Hinblick auf die Schnitte.<\/p>\n<p><strong>Der tote Achill<\/strong><\/p>\n<p>Im Vatikan vor dem vergilbten Marmorsarg,<br \/>\nDem ringsum bildgeschm\u00fcckten, tr\u00e4umt ich heute lang,<br \/>\nBetrachtend seines feinen Zierats \u00fcppgen Kranz:<br \/>\nThetis entf\u00fchrt den Sohn, den Rufer in der Schlacht,<br \/>\nDen Renner, dem die Knie erschlaffen, welchem schwer<br \/>\nDie Lider sanken \u2013 von Delphinen rings umtanzt,<br \/>\nIm Muschelwagen durch des Meers erregte Flut.<br \/>\nTritonen, bis zum Schuppengurt umbrandete,<br \/>\nB\u00e4rtge Gesellen, schilfbekr\u00e4nztes, stumpfes Volk,<br \/>\nGeb\u00e4rden sich als Pferdelenker. Es bedarf<br \/>\nDer mutgen Rosse Paar, das, Haupt an k\u00fchnem Haupt,<br \/>\nDie weite Flur durchrudert mit dem Schlag des Hufs,<br \/>\nDes Z\u00fcgels nicht! In des Peliden Waffen hat<br \/>\nSich sch\u00e4kernd ein leichtsinniges Gesind geteilt:<br \/>\nDie Nereiden. Eine hebt das Schwert und ziehts<br \/>\nUnd lacht und haut und sticht und wundet Licht und Luft.<br \/>\nEin schlankes M\u00e4dchen zielt mit r\u00fcckgebognem Arm,<br \/>\nIn schwachgeballter Faust den unbesiegten Speer,<br \/>\nDer auf und nieder, wie der Waage Balken, schwankt.<br \/>\nDie dritte schiebt der blanken Schulter feinen Bug<br \/>\nDem Erzschild unter, ganz als z\u00f6ge sie zu Feld,<br \/>\nDann deckt damit den sanften Busen gaukelnd sie,<br \/>\nAls schirmt&#8216; das Eisen eines Kriegers tapfre Brust.<br \/>\nDie vierte \u2013 Held, du z\u00fcrntest, schlummertest du nicht! \u2013<br \/>\nSetzt jubelnd sich den Helm, den wildumflatterten,<br \/>\nAuf das gedankenlose Haupt und nickt damit.<br \/>\nScherzt Kinder! Nur mit dir ein Wort, Vollendeter!<br \/>\n(Denn mit der Mutter, die dein schlummerschweres Haupt<br \/>\nIm Schoss gebettet h\u00e4lt, der dir das Leben gab,<br \/>\nDer schmerzversunknen Mutter, plaudert es sich nicht.)<br \/>\nPelide, sprich! Was ist der Tod? Wohin die Fahrt;<br \/>\nWozu die Waffen? Zu erneutem Lauf und Kampf?<br \/>\nZu deines Grabes Schmuck und d\u00fcstern Ehren nur?<br \/>\nWas blitzt auf deinem Schwerte? Deine letzte Tat,<br \/>\nVerglimmend wie der Abend eines heissen Schlachtentags?<br \/>\nDie Morgensonne eines neuen Kampfgefilds?<br \/>\nBedarfst du deines Schwertes noch, du Schlummernder?<br \/>\nWohin der Lauf? Zum Hades? Nein, es l\u00fcgt Homer!<br \/>\nDen Odem neiden einem kleinen Ackerknecht<br \/>\nSieht nicht dir \u00e4hnlich, Heros! Eher f\u00e4hrst<br \/>\nDu einer Geisterinsel bleichem Frieden zu<br \/>\nUnd tr\u00e4gst den Myrtenkranz, beseligt und gestillt,<br \/>\nMit den Geweihten. Doch auch solches ziemt dir nicht!<br \/>\nWas einzig dir geziemt, ist Kampf und Kampfespreis \u2013<br \/>\nPelide! ein Erwachen schwebt vor deinem Boot<br \/>\nUnd schimmert unter deinem m\u00e4chtgen Augenlid!<br \/>\nDu lebst, Achill? Gib Antwort! Wohin wanderst du?<br \/>\nEr schweigt! Er schweigt. Der Wagen rollt. Ein Triton bl\u00e4st<br \/>\nSein Muschelhorn, dass leis und dumpf der Marmor t\u00f6nt.<\/p>\n<p>Viele Verse haben zwei Einschnitte, und von denen einige die oben beschriebenen Schnitte, die den Vers in vier-vier-vier Silben zerfallen lassen:<\/p>\n<p><em>Pelide, sprich! <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Was ist der Tod? <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Wohin die Fahrt;<\/em><\/p>\n<p>Wie gesagt &#8211; da spricht auch nichts gegen; nur in Mengen sollten solche Verse nicht vorkommen. Dann besser solche:<\/p>\n<p><em>Wohin der Lauf? <span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span>Zum Hades? <span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span>Nein, es l\u00fcgt Homer!<\/em><\/p>\n<p>Wieder eine Dreiteilung durch zwei Einschnitte; aber diesmal ist das Siblenverh\u00e4ltnis vier-drei-f\u00fcnf!<\/p>\n<p><em>Scherzt Kinder! <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> Nur mit dir ein Wort, <span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span>Vollendeter!<\/em><\/p>\n<p>Noch ein anderes Verh\u00e4ltnis, drei-f\u00fcnf-vier.<\/p>\n<p><em>Den Renner, <span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span>dem die Knie erschlaffen, <span style=\"color: #ff0000\">|| <\/span>welchem schwer<\/em><\/p>\n<p>Und noch diese M\u00f6glichkeit zum Abschluss: drei-sechs-drei! Alles das und noch mehr ist m\u00f6glich. Die Verse mit <strong>einem<\/strong> Einschnitt haben diesen aber sehr selten genau in der Mitte des Verses! Sicher ein Hinweis, mit diesem Einschnitt vorsichtig zu sein.<\/p>\n<p>In den gezeigten Versen sind die Einschnitte sehr tief, was sie zu guten Beispielen macht; aber die meisten Verse haben nat\u00fcrlich weniger heftige Schnitte, egal, ob es einer ist oder ob zwei vorkommen. Wenn man sich in die Trimeter einschreibt, lohnt es sich auf jeden Fall, Texte wie diesen Vers f\u00fcr Vers durchzugehen und sich die Einschnitte bewusst zu machen; denn von ihrem klugen Einsatz h\u00e4ngt sehr viel ab!<\/p>\n<p>Wobei ich nicht verschweigen m\u00f6chte, dass dieser Text hier auch steht, weil er mir sehr gut gef\u00e4llt. Das antike Thema muss man nicht m\u00f6gen; aber die Art, wie Meyer hier die Sprache flie\u00dfen und vor allem t\u00f6nen l\u00e4sst, hat f\u00fcr mich gro\u00dfen Reiz!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nochmal zur\u00fcck zu den &#8222;Einschnitten an anderen Stellen&#8220; &#8211; da kann man eigentlich alles versuchen; nur bei zwei Schnitten ist Vorsicht geboten. 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