{"id":8739,"date":"2018-03-13T23:22:21","date_gmt":"2018-03-13T22:22:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=8739"},"modified":"2018-03-18T00:23:03","modified_gmt":"2018-03-17T23:23:03","slug":"eine-lesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8739","title":{"rendered":"Eine Lesung"},"content":{"rendered":"<p>Ein Eintrag ohne Verse, daf\u00fcr mit einem Bericht \u00fcber die Lesung von Versen; verfasst hat ihn Theodor Fontane, zu finden ist er in seinen &#8222;Wanderungen durch die Mark Brandenburg&#8220;.<\/p>\n<p><em>Wir waren alles in allem acht Personen: Major von H\u00e4seler und Frau, Herr von H\u00fcnecke und Frau, ein Fr\u00e4ulein Wi\u00dfling (das Teefr\u00e4ulein der Gr\u00e4fin Schwerin), dann Fr\u00e4ulein von Rohr selbst, Lepel und ich. Alles steht mir noch in voller Deutlichkeit vor Augen und auch das Gespr\u00e4ch ist mir, wenn nicht in seinem Wortlaute, so doch in seinem Inhalte noch so gegenw\u00e4rtig, als ob es gestern gef\u00fchrt worden w\u00e4re. Man war sehr heiter, alles wohlwollend und die Verpflegung vorz\u00fcglich, namentlich auch der Tee, was man damals nicht von allen Berliner Teeabenden sagen konnte. Wir hatten zu Kaviar- und Sardellenbr\u00f6tchen einen kalten Braten, einen Reh- oder Hammelr\u00fccken, den Trieplatz oder irgendein befreundetes Gut in Havelland oder Ruppin geliefert hatte. Zum Schluss kam dann &#8222;G\u00f6tterspeise&#8220;, die ihrem Namen Ehre machte; sie bestand aus in Rum oder Kognak getr\u00e4nkten Biskuitscheiben, Himbeerkompott und Schlagsahne, welche dreifache Schicht sich dreimal wiederholte. Zum Schluss wurden Apfelsinen zurechtgemacht, aber w\u00e4hrend wir unter Andauer dieser harmlosen Besch\u00e4ftigung bem\u00fcht waren, unser Gespr\u00e4ch, das sich meist um Theater und die mit den H\u00e4selers befreundete Familie H\u00fclsen drehte, fortzusetzen, war es ganz ersichtlich, dass sich unserer liebensw\u00fcrdigen Wirtin eine gewisse Unruhe bem\u00e4chtigte, die von Minute zu Minute wuchs und sich namentlich auch in ihren auf die jedesmalige Frage nicht mehr recht passenden Antworten zu erkennen gab. Dabei sah sie immer eindringlicher nach der Stutzuhr ihr gegen\u00fcber, auf der ein goldener Saturn mit Urne lag, bis sie zuletzt die Konversation kurz abschnitt, indem sie kategorisch bemerkte: &#8222;Die Herren werden jetzt etwas lesen.&#8220; Nun schwieg alles, w\u00e4hrend sie selbst unter einer kleinen Verbeugung fortfuhr: &#8222;Herr von Lepel und Herr Theodor Fontane wollen n\u00e4mlich die G\u00fcte haben, uns eine von ihnen herr\u00fchrende &#8218;Terzine&#8216; zu lesen.&#8220; Ich wollte, weil ich glaubte, dass sich das Fr\u00e4ulein versprochen habe, die Sache richtigstellen, Lepel aber warf mir einen grotesk ernsten Blick zu, der mich verstummen machte, w\u00e4hrend das Fr\u00e4ulein unbefangen hinzusetzte: &#8222;Diese Strophen bilden n\u00e4mlich eine Art Rede und Gegenrede, wie zwei Advokaten, von denen jeder seine Sache verteidigt. Wie lautet doch das Thema?&#8220; Lepel, der bereits sein Manuskript aus der Tasche gezogen hatte, sagte: &#8222;Das Thema lautet: &#8218;Reden ist Silber, Schweigen ist Gold&#8216; und bildet eine Tenzone zwischen mir und meinem Freunde Fontane.&#8220; Er betonte das Wort &#8222;Tenzone&#8220;, Fr\u00e4ulein von Rohr aber merkte nichts, denn Terzine oder Tenzone war ihr dasselbe. Sie hatte viele herrliche Gaben und Lyrik war ihr Ideal. Aber die Nomenklatur italienischer Formen und nun gar diese Formen selbst waren ihr ein Geheimnis geblieben.<\/em><\/p>\n<p><em>Lepel und ich lasen nun unsere Tenzone. Dann trat die herk\u00f6mmliche Verlegenheitspause ein. Der alte H\u00e4seler wribbelte an seinem Husarenschnurrbart, w\u00e4hrend seine Frau, \u00e4lter als er und schon nahe an achtzig, ihren schwarzen Scheitel, der sich etwas verschoben hatte, wieder gerade r\u00fcckte, dabei Lepel und mich verschmitzt ansehend, wie wenn sie sagen wollte: &#8222;Kinder, was soll das alles? Als ich jung war, waren ganz andere Dinge Mode.&#8220; Sie stammte n\u00e4mlich aus den Gr\u00e4fin-Lichtenau-Tagen und hatte manches erlebt. Endlich nahm Herr von H\u00fcnecke das Wort: &#8222;Es muss schwer sein&#8220;, sagte er, worauf Frau von H\u00fcnecke fast einen Lachanfall kriegte und gutm\u00fctig hinzusetzte: &#8222;Ja, H\u00fcnecke, du k\u00f6nntest es nicht.&#8220; Durch diesen Zwischenfall war das Eis gebrochen, und nun griff auch die alte H\u00e4seler ein und sagte: &#8222;Schwer. Ja was hei\u00dft schwer. Ich glaube nicht, dass es so sehr schwer ist, und Improvisieren zum Beispiel ist viel schwerer. Da war hier vor zwanzig Jahren ein Improvisator Langenschwarz, ein j\u00fcdischer, aber ziemlich distinguiert aussehender Mann, und hatten wir damals eine Matinee im Konzertsaal, es war das letzte Jahr unter des hochseligen K\u00f6nigs Majest\u00e4t. Und das Thema war &#8218;Alexanders des Gro\u00dfen Tod&#8216; und jeder, der anwesend war, hatte das Recht, ihm ein Reimwort zuzurufen. Und da war ja nun dieser schreckliche Mensch, der Glasbrenner, das hei\u00dft,\u00a0 eigentlich war er gar nicht so schrecklich und konnte nur, wenn er wollte, der rief Langenschwarzen, weil er eine Pike gegen ihn hatte, das Wort &#8218;Blutwurst&#8216; zu, so dass einige lachten, w\u00e4hrend wir andern alle zusammenschraken. Aber was denken Sie, was geschah? Ohne dass dieser Langenschwarz sich verf\u00e4rbte, nahm er das furchtbare Wort in seine Dichtung auf und ich wei\u00df auch noch, dass er mit &#8218;Glutdurst&#8216; darauf reimte, was damals jeder bewunderte, so dass Glasbrenner eigentlich geschlagen war, und wenn ich mir das alles vergegenw\u00e4rtige \u2013 H\u00fclsen war damals noch Leutnant und hatte die Pl\u00e4tze besorgt \u2013, so muss ich doch sagen, das war schwerer.&#8220; Lepel und ich stimmten vollkommen ein, Fr\u00e4ulein von Rohr aber fand diesen pl\u00f6tzlichen Einwurf in eine Debatte, die sich doch mit einer ernsten Dichtung zu besch\u00e4ftigen habe, ziemlich unangemessen und sagte: &#8222;Frau von H\u00e4seler, ich muss Ihnen doch bemerken, dass ich das Gedicht der beiden Herren seit vorigem Sonntag abschriftlich besitze und dass ich es sowohl der Gr\u00e4fin Schwerin wie dem Prinzen Georg vorgelegt habe, die beide von der besonderen Schwierigkeit sprachen. Es wird also wohl auch schwer sein. Der Prinz ist selbst Dichter, wie Sie wissen, und ein Mann von Urteil.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ich lasse die Gesellschaft hier allein; ziehe mich zur\u00fcck und die T\u00fcr leise zu, sozusagen &#8230; (Wer die Tenzone nachlesen m\u00f6chte, findet sie hier: <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=N-TwI6JLpP4C&amp;pg=PA657&amp;lpg=PA657&amp;dq=%22Aus+weisem+Mund+ein+weises+Wort%22&amp;source=bl&amp;ots=YTraqrfTcz&amp;sig=DNJ_lKzIuDLjfbkNkJXJEi2xSYY&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwifgabMv_TZAhVhgaYKHdiqBMcQ6AEIJzAA#v=onepage&amp;q&amp;f=false\">Reden ist Silber, Schweigen ist Gold<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Eintrag ohne Verse, daf\u00fcr mit einem Bericht \u00fcber die Lesung von Versen; verfasst hat ihn Theodor Fontane, zu finden ist er in seinen &#8222;Wanderungen durch die Mark Brandenburg&#8220;. 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