{"id":880,"date":"2014-02-13T00:39:00","date_gmt":"2014-02-12T22:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=880"},"modified":"2014-02-13T09:28:17","modified_gmt":"2014-02-13T07:28:17","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=880","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (14)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Johann Heinrich Voss<\/strong><\/p>\n<p>Um Johann Heinrich Voss bin ich bisher ein wenig herumgeschlichen, und das, obwohl er f\u00fcr den Hexameter ein sehr wichtiger Mann war &#8211; f\u00fcr die Praxis in eigenen Gedichten wie in \u00dcbersetzungen (Homer!) und ebenso, eigentlich noch mehr, f\u00fcr die Theorie des Verses.<\/p>\n<p>Der Grund ist einfach der: Voss betrachtete den deutschen Hexameter nicht als einen Vers, der sich lediglich aus betonten und unbetonten Silben zusammensetzt, sondern als einen, in dem zus\u00e4tzlich auch noch die Silbenl\u00e4nge eine Rolle spielt. In der Antike war das ja der Ma\u00dfstab, der Vers regelte sich aus der Abfolge von langen und kurzen Silben.<\/p>\n<p>Bei Voss klingt das so (in der Vorrede seiner \u00dcbersetzung von Vergils &#8222;Georgica&#8220;):<\/p>\n<p><em>Der deutsche Hexameter ist, wie jener der Alten, eine rhythmisch deutlich begrenzte Periode von sechs vierzeitigen Takten, die mit einer gehobenen L\u00e4nge anfangen und entweder mit einer L\u00e4nge, oder, den letzten ausgenommen, mit zwei K\u00fcrzen, aber auch (was Neuerung ist), mit einer K\u00fcrze sich senken; das ist, die aus einem Spond\u00e4us oder Daktylus oder Troch\u00e4us bestehen. F\u00fcllt ein Troch\u00e4us den Takt, so wird seine L\u00e4nge dreizeitig, oder, mit dem Musiker zu reden, ein punktierter Halbfu\u00df.<br \/>\n<\/em><br \/>\nMan h\u00f6rt, da wird etwas in den deutschen Vers hineingetragen, das erst einmal fremd ist; Ob es sich zum Guten oder zum Schlechten bemerkbar macht, ist nicht von vorneherein klar. In seiner &#8222;Zeitmessung der deutschen Sprache&#8220; gibt Voss ein eindrucksvolles Beispiel:<\/p>\n<p><em>Wer nicht zugleich Ton und Takt zu halten wei\u00df, dem behagt mehr die kunstlose Nat\u00fcrlichkeit in Versen wie<\/em><\/p>\n<p><em>D\u00fcstere Sturmnacht zog, und graunvoll wogte das Meer auf<\/em><\/p>\n<p><em>als die durch Kunst veredelte Natur in<\/em><\/p>\n<p><em>D\u00fcsterer zog Sturmnacht, graunvoll rings wogte das Meer auf<\/em><\/p>\n<p>Den ersten Vers k\u00f6nnte man ohne weiteres mit dem bisher von mir verwendeten &#8222;X-Schema&#8220; der betonten und unbetonten Silben gliedern:<\/p>\n<p><strong>D\u00fcs<\/strong>tere \/ <strong>Sturm<\/strong>nacht \/ <strong>zog<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und \/ <strong>graun<\/strong>voll \/ <strong>wog<\/strong>te das \/ <strong>Meer<\/strong> auf<\/p>\n<p>X x x \/ X x \/ X <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> x \/ X x \/ X x x \/ X x<\/p>\n<p>Aber so hat ihn Voss nicht gedacht. Ich w\u00e4hle ab jetzt f\u00fcr Verse, in denen ich eher die L\u00e4ngen und K\u00fcrzen im Auge habe als die Betonungen, ein anderes Schema, in dem &#8222;<strong>\u2014<\/strong>&#8220; eine lange Silbe darstellen soll, und &#8222;<strong>v<\/strong>&#8220; eine kurze. Damit ergibt sich f\u00fcr den Vers von Voss:<\/p>\n<p>\u2014 v v \/ \u2014 \u2014 \/ \u2014 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> \u2014 \/ \u2014 \u2014 \/ \u2014 v v \/ \u2014 \u2014<\/p>\n<p>Ihn so zu lesen, f\u00e4llt aber sicher manchem schwer. Deswegen ist Voss auf den schon einmal angesprochenen Trick mit den &#8222;geschleiften Spond\u00e4en&#8220; verfallen. Die zweite Fassung des Verses sieht metrisch genau so aus wie die erste:<\/p>\n<p>D\u00fcsterer zog Sturmnacht, graunvoll rings wogte das Meer auf<\/p>\n<p>\u2014 v v \/ \u2014 \u2014 \/ \u2014 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> \u2014 \/ \u2014 \u2014 \/ \u2014 v v \/ \u2014 \u2014<\/p>\n<p>Aber dadurch, dass Voss die eigentlich st\u00e4rker betonten Silben auf die Senkungspositionen stellt und dadurch Hebungs- und Senkungspositionen sowohl in Bezug auf die Silbenst\u00e4rke als auch in Bezug auf die Silbenanl\u00e4nge angleicht, schafft er eine Strecke von sieben(!) gleich (schwer) betonten Silben:<\/p>\n<p>D\u00fcsterer <span style=\"color: #ff0000\">zog Sturmnacht, graunvoll rings wog<\/span>te das Meer auf<\/p>\n<p>Ist das noch Deutsch? Wer wei\u00df &#8230; Es ist aber auf jeden Fall ein rhythmisch sehr, sehr eindrucksvoller Vers. In Voss&#8216; wirklich geschriebenen Versen treibt er es aber nicht immer so weit. In &#8222;Der siebzigste Geburtstag&#8220; schildert Voss etwa einen Haushalt, der sich auf den Geburtstag seines Hausherrn vorbereitet. Dessen Frau, die auf Sohn und Schwiegertochter wartet, macht sich Sorgen \u00fcber das Winterwetter:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzo sah sie hinaus, wie die st\u00f6bernden Flocken am Fenster<br \/>\nRieselten, und wie der Ost dort wirbelte, dort in den Eschen<br \/>\nRauscht&#8216;, und die Spuren verwehte der h\u00fcpfenden Kr\u00e4hen am Scheuntor.<br \/>\nLange mit ernstem Gesicht, ihr Haupt und die H\u00e4nde bewegend,<br \/>\nStand sie vertieft in Gedanken, und fl\u00fcsterte halb, was sie dachte:<br \/>\nLieber Gott, wie es st\u00fcrmt, und der Schnee in den Gr\u00fcnden sich aufh\u00e4uft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl man h\u00f6rt, dass hier rhythmisch gestaltet wird, ist die Sprachbewegung trotzdem recht gew\u00f6hnlich. Besonders gut gef\u00e4llt mir der letzte Vers &#8211; der metrische Aufbau ist unauff\u00e4llig, aber die Sinneinheiten gliedern sich sehr sch\u00f6n:<\/p>\n<p>Lieber Gott, <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> wie es st\u00fcrmt, <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> und der Schnee <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> in den Gr\u00fcnden <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> sich aufh\u00e4uft!<\/p>\n<p>X x X <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> x x X <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> x x X <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> x x X x <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> x X X<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich pers\u00f6nlicher Geschmack, aber das sind alles rhythmische Einheiten, die ich als ausdrucksstark empfinde!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Heinrich Voss Um Johann Heinrich Voss bin ich bisher ein wenig herumgeschlichen, und das, obwohl er f\u00fcr den Hexameter ein sehr wichtiger Mann war &#8211; f\u00fcr die Praxis in eigenen Gedichten wie in \u00dcbersetzungen (Homer!) und ebenso, eigentlich noch mehr, f\u00fcr die Theorie des Verses. 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