{"id":8855,"date":"2018-04-17T23:25:56","date_gmt":"2018-04-17T22:25:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=8855"},"modified":"2018-04-19T23:18:37","modified_gmt":"2018-04-19T22:18:37","slug":"erzaehlformen-die-stanze-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8855","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Die Stanze (2)"},"content":{"rendered":"<p>Wenn August von Platen Recht hat mit seiner im letzten Eintrag getroffenen Unterscheidung &#8222;Italienische Stanze = episch, deutsche Stanze = lyrisch&#8220; &#8211; worin liegen dann die Unterschiede?<\/p>\n<p>Einmal im benutzten Vers. Die italienische Stanze verwendet den Endecasillabo, einen sich rhythmisch zwar\u00a0 zum Iambus hinwendenden, aber eigentlich recht freien und beweglichen Vers. Die deutsche Stanze verwendet an seiner Stelle den f\u00fcnfhebigen Iambus, also einen Vers mit vergleichsweise wenigen rhythmischen M\u00f6glichkeiten. Das f\u00e4llt bei einem kurzen, zum Beispiel vier Stanzen langen lyrischen Gedicht nicht weiter auf; reihen sich aber im Rahmen einer l\u00e4ngeren Erz\u00e4hlung hundert und mehr Stanzen aneinander, entsteht schnell ein unsch\u00f6ner Eindruck von Eint\u00f6nigkeit.<\/p>\n<p>Ein zweiter Unterschied sind die Reime. Davon hat das Italienische einfach mehr, und vor allem: Im Deutschen haben fast alle weiblich-unbetonten Reime ein &#8222;schwaches e&#8220; als Vokal der Schluss-Silbe, und auch das tr\u00e4gt zur Eint\u00f6nigkeit stark bei. Dem zu entgehen, verwendet die &#8220; Hauptform der deutschen Stanze&#8220; zumindest in drei der acht Verse m\u00e4nnlich-betonte Vers-Schl\u00fcsse. Der Mangel an Reimen f\u00fchrt dagegen zu einer bestimmten Wirkung, wie Johann Ranftl bemerkt:<\/p>\n<p><em>Die dreimalige Wiederholung gleichgeordneter Reime ist f\u00fcr den deutschen Dichter, dem lange nicht die unersch\u00f6pfliche Reimf\u00fclle der italiensichen und spanischen Sprache zustr\u00f6mt, eine schwierige Aufgabe. Eine reiche Bilderf\u00fclle sowie synonyme Erweiterungen m\u00fcssen oft das Ma\u00df bis zum Rande f\u00fcllen helfen. Diese Notwendigkeit und die langen Verse selbst in ihrer gleichm\u00e4\u00dfigen Wiederkehr geben der Strophe eine pomp\u00f6se Pracht und feierliche W\u00fcrde.<\/em><\/p>\n<p>Und da wundert es dann nicht, dass die deutsche Stanze zwar auch f\u00fcr erz\u00e4hlende Dichtungen gebraucht wird, aber eben vor allem f\u00fcr Gedichte, in denen diese feierliche Pracht am Platz ist: repr\u00e4sentierende Gedichte, Huldigungen, Widmungen, Gl\u00fcckw\u00fcnsche,\u00a0 Totengedenken, Zueeignungen &#8230; Ein Beispiel ist der erste der drei &#8222;Stanzen an die Leser&#8220; von Friedrich Schiller:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Muse schweigt, mit jungfr\u00e4ulichen Wangen,<br \/>\nErr\u00f6ten im versch\u00e4mten Angesicht,<br \/>\nTritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen,<br \/>\nSie achtet es, doch f\u00fcrchtet sie es nicht.<br \/>\nDes Guten Beifall w\u00fcnscht sie zu erlangen,<br \/>\nDen Wahrheit r\u00fchrt, den Flimmer nicht besticht.<br \/>\nNur wem ein Herz, empf\u00e4nglich f\u00fcr das Sch\u00f6ne,<br \/>\nIm Busen schl\u00e4gt, ist wert, dass er sie kr\u00f6ne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wobei man, wollte man boshaft sein, anmerken k\u00f6nnte, dass Schiller nicht der &#8222;pomp\u00f6sen Pracht und feierlichen W\u00fcrde&#8220; der Stanze bedurfte, um auf den abgehobeneren Pfaden der Dichtung zu wandeln &#8230; Die &#8222;Stanzen an die Leser&#8220;, so schrieb er K\u00f6rner, sollten jedenfalls, am Ende eines Almanachs stehend, &#8222;die Leser auf eine freundliche Art verabschieden&#8220;. Nun denn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn August von Platen Recht hat mit seiner im letzten Eintrag getroffenen Unterscheidung &#8222;Italienische Stanze = episch, deutsche Stanze = lyrisch&#8220; &#8211; worin liegen dann die Unterschiede? Einmal im benutzten Vers. Die italienische Stanze verwendet den Endecasillabo, einen sich rhythmisch zwar\u00a0 zum Iambus hinwendenden, aber eigentlich recht freien und beweglichen Vers. 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