{"id":8866,"date":"2018-04-19T23:32:22","date_gmt":"2018-04-19T22:32:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=8866"},"modified":"2020-04-06T09:06:25","modified_gmt":"2020-04-06T08:06:25","slug":"erzaehlformen-die-stanze-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8866","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Die Stanze (4)"},"content":{"rendered":"<p>Hinter einer Form, die in allgemeinen Gebrauch kommt, steht meistens ein gro\u00dfes Werk, dass diese Form beispielhaft verwendet. Der Hexameter zum Beispiel w\u00e4re in der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht schlagartig beliebt geworden, h\u00e4tte Klopstock nicht mit seinem &#8222;Messias&#8220; ein diesen Vers verwendendes Werk vorgelegt, das seine Zeitgenossen tief beeindruckt und begeistert hat!<\/p>\n<p>In Bezug auf die Stanze spielt (auch) Ludovico Ariostos &#8222;Der rasende Roland&#8220; diese Rolle. F\u00fcnf Stanzen daraus in der klassischen \u00dcbersetzung von Johann Diederich Gries &#8211; die Beschreibung der Zauberin Alcina:<\/p>\n<p>Was kunsterfahr&#8217;ne Maler je erfunden,<br \/>\nReicht an die Sch\u00f6nheit ihrer Bildung nicht.<br \/>\nDie blonden Haare, lang und aufgewunden,<br \/>\nBesiegen selbst des Goldes gl\u00e4nzend Licht.<br \/>\nMit Rosen haben Lilien sich verbunden<br \/>\nUnd \u00fcberstreun ihr zartes Angesicht.<br \/>\nDie heitre Stirn, in ihres Ma\u00dfes Reine,<br \/>\nScheint wie geformt aus glattem Elfenbeine.<\/p>\n<p>Zwei schwarze Bogen, fein und zart, umhegen<br \/>\nEin schwarzes Augen- nein, ein Sonnenpaar,<br \/>\nIm Blicken z\u00e4rtlich, sparsam im Bewegen.<br \/>\nDa nimmt man Amor, scherzend, fliegend wahr;<br \/>\nDa sendet er herab der Pfeile Regen<br \/>\nUnd raubt die Herzen, jedem offenbar.<br \/>\nDie Nas&#8216;, absteigend mitten im Gesichte,<br \/>\nMacht auch des Neides Tadelsucht zunichte.<\/p>\n<p>Dann folgt der Mund, von Gr\u00fcbchen hold umfangen,<br \/>\nUnd mit nat\u00fcrlichem Karmin bedeckt,<br \/>\nIn dem zwei Schn\u00fcr&#8216; erlesner Perlen prangen,<br \/>\nBald von der Lipp enth\u00fcllt und bald versteckt.<br \/>\nDa kommt die holde Red&#8216; hervorgegangen,<br \/>\nDie auch im rausten Herzen Milde weckt;<br \/>\nDa sieht man oft das s\u00fc\u00dfe L\u00e4cheln werden,<br \/>\nDas, wie es will, den Himmel bringt zur Erden.<\/p>\n<p>Der Hals ist Schnee, und Milch die Brust; vollkommen<br \/>\nGerundet jener, diese voll und breit.<br \/>\nEin \u00c4pfelpaar, dem Elfenbein entnommen,<br \/>\nWallt auf und ab, wie bei der L\u00fcfte Streit<br \/>\nAm Uferrand die Wellen gehn und kommen.<br \/>\nVom andern g\u00e4b&#8216; auch Argus nicht Bescheid;<br \/>\nDoch schlie\u00dft man wohl, es m\u00fcsse das Versteckte<br \/>\nDem \u00e4hnlich sein, was sich dem Aug&#8216; entdeckte.<\/p>\n<p>Den Armen ist das rechte Ma\u00df gespendet,<br \/>\nUnd oftmals wird die zarte Hand geschaut,<br \/>\nDie, l\u00e4nglich, schmal, durch ihre Wei\u00dfe blendet;<br \/>\nNicht Ader spannt noch Kn\u00f6chel ihr die Haut.<br \/>\nDie ganze herrliche Gestalt vollendet<br \/>\nDer kurze Fu\u00df, rundlich und wohlgebaut.<br \/>\nDen Engelreiz, im Himmel selbst entsprossen,<br \/>\nHielt auch der dichtste Schleier nicht verschlossen.<\/p>\n<p>Vierzig Verse, Alcina w\u00f6rtlich vom Kopf bis zum Fu\u00df zu beschreiben, und das in nicht sehr eigenst\u00e4ndigen Bildern. Wobei die Sch\u00f6nheit, wohlgemerkt, die &#8222;B\u00f6se&#8220; ist, die sich alle paar Monate einen neuen Mann als Liebhaber nimmt und den jeweiligen Vorg\u00e4nger in Steine oder B\u00e4ume oder Quellen verwandelt &#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Erwischt&#8220; hat es R\u00fcdiger, der eigentlich vergeben ist. Aber:<\/p>\n<p>Und glatt aus seinem Herzen ist verschwunden<br \/>\nDie sch\u00f6ne Jungfrau, der er&#8217;s einst verlieh.<br \/>\nAlcina wusch von alten Liebeswunden<br \/>\nEs v\u00f6llig rein durch m\u00e4chtige Magie;<br \/>\nAuch wird nichts andres mehr in ihm gefunden,<br \/>\nAls sie allein und Z\u00e4rtlichkeit f\u00fcr sie.<br \/>\nUnd dieser Bann entschuldigt ihn notwendig,<br \/>\nWenn er sich leicht bewies und unbest\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Jaja. Aber die Frage bleibt &#8211; ist das wirksam? Ich denke, ja; und das hat viel mit dem Umstand zu tun, dass hier in Versen erz\u00e4hlt wird, und auch damit, dass hier die Stanze verwendet wird.<\/p>\n<p>Der &#8222;rasende Roland&#8220; hatte \u00fcbrigens 2016 f\u00fcnfhundertsten Geburstag, und aus diesem Anlass r\u00fcckte er wieder ein wenig in den Blick; die NZZ hatte zum Beispiel einen Artikel von Christine Wolter, <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/buecher\/ariosts-rasender-roland-frauen-ritter-liebeswahn-ld.111971\">Frauen, Ritter, Liebeswahn<\/a>. Kann man lesen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinter einer Form, die in allgemeinen Gebrauch kommt, steht meistens ein gro\u00dfes Werk, dass diese Form beispielhaft verwendet. Der Hexameter zum Beispiel w\u00e4re in der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht schlagartig beliebt geworden, h\u00e4tte Klopstock nicht mit seinem &#8222;Messias&#8220; ein diesen Vers verwendendes Werk vorgelegt, das seine Zeitgenossen tief beeindruckt und begeistert hat! In Bezug&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8866\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlformen: Die Stanze (4)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-8866","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8866","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8866"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8866\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10075,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8866\/revisions\/10075"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8866"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8866"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8866"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}