{"id":8879,"date":"2018-04-23T20:48:22","date_gmt":"2018-04-23T19:48:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=8879"},"modified":"2018-04-24T21:29:06","modified_gmt":"2018-04-24T20:29:06","slug":"erzaehlformen-die-stanze-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=8879","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlformen: Die Stanze (5)"},"content":{"rendered":"<p>Im Deutschen kam die Stanze mit Wilhelm Heinse in Schwung, der 1774 im Anhang seines &#8222;Laidion&#8220; eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Stanzen ver\u00f6ffentlichte. Ende 1773 hatte er einen Gro\u00dfteil dieser Stanzen an seinen Freund und F\u00f6rderer Christoph Martin Wieland geschickt in einem Brief, der ganz wunderbar ist &#8230;<\/p>\n<p>Nach dem eigentlichen Gedicht l\u00e4sst sich Heinse \u00fcber die Stanze an sich aus:<\/p>\n<p><em>Der Bau der Stanze. Ich las in der Vorrede zu Ihrem Idris: &#8222;Die Schwierigkeiten w\u00fcrden unendlich gewesen sein, wenn ich mir in der L\u00e4nge und K\u00fcrze der Zeilen nicht eine Freiheit erlaubt h\u00e4tte, welche die Natur unserer Sprache zu erfordern schien.&#8220; Ich antworte hierauf: Richtig ist es, dass die regelm\u00e4\u00dfige italienische Stanze wenigstens hundert Mal schwerer ist als die freie Stanze im Idris; ob diese aber die Natur unserer Sprache zu erfordern scheint &#8211; m\u00fcsste wahrscheinlich durch die geringere Anzahl unserer weiblichen dreifachen Reime entscheiden werden, denn an W\u00f6rtern fehlt&#8217;s uns nicht haupts\u00e4chlich; nun wollt&#8216; ich aber behaupten, dass sich der weiblichen Reime selbst im Idris wenigstens eine Anzahl zu zehn Ges\u00e4ngen findet, ohne das dadurch die geringste Monotonie entstehen sollte.<\/em><\/p>\n<p>Hm. So richtig klug ist es wohl nicht, dem Mann, der die eigene Dichtung drucken soll &#8211; in diesem Brief bietet sie Heinse Wieland f\u00fcr dessen Zeitschrift &#8222;Merkur&#8220; an -, zu sagen, dass er selbst es sich zu leicht gemacht hat, noch dazu aus nicht stichhaltigen Gr\u00fcnden? Aber das ficht Heinse auch im Weiteren nicht an:<\/p>\n<p><em>Ferner sagen Sie, dass diese Freiheit eine Quelle von musikalischen Sch\u00f6nheiten geworden ist. Ich geb&#8216; es zu, Ihrem tranzendalistischen Genius in Ihrem bezaubernden Idris; aber lassen Sie uns andere Erdens\u00f6hne uns eben dieser Freiheit bedienen, was wird da herauskommen?\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Damit wechselt er aber endlich zu seinen eigenen Versen:<\/p>\n<p><em>Ich habe also in meiner Stanze lauter f\u00fcnff\u00fc\u00dfige Jamben genommen; und damit sie meine Enkel singen m\u00f6gen, wie die Gondolieri die Stanzen des Ariosto &#8211; l\u00e4cheln Sie nur immer \u00fcber meine n\u00e4rrische Grille! Sie kann mir doch mehr n\u00fctzen als schaden &#8211; immer die Reime auf einerlei Art abwechseln lassen.<\/em><\/p>\n<p>Das klingt nun endg\u00fcltig so, als sei Heinse schlicht besoffen vom Gl\u00fcck einer vollendeten Dichtung &#8230; Aber er \u00fcberbietet das noch locker:<\/p>\n<p><em>Dabei werd&#8216; ich mir es zum Gestz machen, keine einzige Stelle, wissentlich. aus allen epischen Dichtern nachzuahmen, geschweige zu \u00fcbersetzen; warum soilt&#8216; ich das noch einmal sagen, was schon vor mir vortefflich gesagt wurde? Warum sollt&#8216; ich von hundert Stanzen des Ariosto eine f\u00fcr mich abzunagen mir die beschwerliche M\u00fche machen, da och leichter zehn andere w\u00e4hrend der Zeit erseinnen kann, die vielleicht ebenso gut sind?<\/em><\/p>\n<p>Selbstvertrauen ist &#8230; da. Und Ariost, hier und an noch mehr Stellen dieses Briefs; er ist ohne Frage f\u00fcr alle diese Dichter und Dichtungsdenker eine ganz wichtige Bezugsgr\u00f6\u00dfe!<\/p>\n<p><em>\u00dcbrigens haben mich diese 40 Stanzen nicht zuviel M\u00fche gekostet, in zwo N\u00e4chten, ich beteur&#8216; es Ihnen beim Apoll und den Musen! hab&#8216; ich sie an meinem Klavier aus der Seele gesungen,\u00a0 um &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Ich lasse es mal dabei &#8211; der Brief ist zwar noch um einiges wunderlicher, aber das hat nichts mehr mit der Form als solcher zu tun. Im n\u00e4chsten Eintrag folgt dann der Blick auf die Stanzen selbst! Mit denen, das will Heinse im wesentlichen sagen, die &#8222;Hauptform der deutschen Stanze&#8220; ihren beachtlichen ersten Auftritt hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Deutschen kam die Stanze mit Wilhelm Heinse in Schwung, der 1774 im Anhang seines &#8222;Laidion&#8220; eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Stanzen ver\u00f6ffentlichte. 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