{"id":929,"date":"2014-02-17T03:38:01","date_gmt":"2014-02-17T01:38:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=929"},"modified":"2014-02-17T21:42:50","modified_gmt":"2014-02-17T19:42:50","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=929","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (15)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vo\u00df und Goethe<\/strong><\/p>\n<p>Eine bemerkenswerte Beziehung&#8220; Auf der einen Seite der gute, aber nicht herausragende Dichter, dabei aber ein ausgewiesener und allseits anerkannter Fachmann in metrischen Fragen, auf der anderen Seite der \u00fcberragende Dichter, der aber in metrischen Fragen oft unsicher war und Rat suchte: Beim Thema &#8222;Hexameter&#8220; begegneten die beiden sich immer wieder, bis Goethe den Vers schlie\u00dflich aufgab.<\/p>\n<p>Wie die Verh\u00e4ltnisse lagen, l\u00e4sst sich vielleicht an zwei Zitaten zeigen. Das erste stammt von Wilhelm von Humboldt und findet sich in einem Brief aus dem Jahr 1797, in dem er auch auf Goethes hexametrisches Werk &#8222;Hermann und Dorothea&#8220; zu sprechen kommt:<\/p>\n<p><em>Goethe ist noch hier, er hat sein episches Gedicht beendigt, das unendlich sch\u00f6n ist und dessen Ende noch den Anfang selbst \u00fcbertrifft. Auch mit dem Versbau hat er sich viel M\u00fche gegeben und mich oft konsultiert. Ich habe ihm meinen Rat ganz offen erteilt, und nicht wenig Verse hat er wirklich ge\u00e4ndert. Allein sollte auch alles durchaus fehlerfrei sein, so wird der gro\u00dfe Reichtum und die Kraft des Rhythmus ihm nie recht eigen sein, wenigstens nicht so pr\u00e4valierend als in Vo\u00df.<\/em><\/p>\n<p>Aha. &#8222;Unendlich sch\u00f6n&#8220; kann er schreiben, der Goethe, aber die &#8222;Kraft des Rhythmus&#8220; hat er nicht!<\/p>\n<p>Goethe schrieb wiederum Humboldt in einem viel sp\u00e4teren Brief (1799):<\/p>\n<p><em>Was Sie bei Gelegenheit eines erh\u00f6hteren Kunstausdrucks von Vossen und seiner Rhythmik sagen, davon bin ich mehr als jemals \u00fcberzeugt, nur schade, dass ich kaum erleben kann, dass die Sache ins gleiche kommt &#8230; Ich habe jetzt mit dem besten Willen die Georgiken (Vergil-\u00dcbersetzung von Vo\u00df &#8211; F.) Wenn man die deutschen Verse liest, ohne einen Sinn von ihnen zu verlangen, so haben sie unstreitig vieles Verdienst, was man seinen eigenen Arbeiten w\u00fcnschen muss; sucht man aber darin den geistigen Abdruck des himmelreinen und sch\u00f6nen Vergils, so schaudert man an vielen Stellen mit Entsetzen zur\u00fcck, &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Soso: Rhythmisch ist er allen ein Vorbild, der Vo\u00df, aber was er an Inhalten bietet, f\u00fchrt zu Schaudern und Entsetzen!<\/p>\n<p>Den beiden auf den Versen, \u00e4h, Fersen zu bleiben, d\u00fcrfte also lohnen &#8230; Um ihre Schreibweise vergleichen zu k\u00f6nnen, hier noch je ein knapper Auschnitt &#8211; einmal aus Goethes Reineke Fuchs (in dem sich sicher Goethes sorgloseste Hexameter finden), und einmal aus Vo\u00df&#8216; Nacherz\u00e4hlung von &#8222;Philemon und Baucis&#8220; (wodurch die N\u00e4he zum antiken Vers ja schon &#8222;an sich&#8220; da ist):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Braun erreichte das Schloss und fand die gew\u00f6hnliche Pforte<br \/>\nFest verschlossen. Da trat er davor und besann sich ein wenig;<br \/>\nEndlich rief er und sprach: &#8222;Herr Oheim, seid Ihr zu Hause?<br \/>\nBraun, der B\u00e4r, ist gekommen, des K\u00f6nigs gerichtlicher Bote.<br \/>\nDenn es hat der K\u00f6nig geschworen, Ihr sollet bei Hofe<br \/>\nVor Gericht Euch stellen, ich soll Euch holen, damit Ihr<br \/>\nRecht zu nehmen und Recht zu geben keinem verweigert,<br \/>\nOder es soll Euch das Leben kosten; denn bleibt Ihr dahinten,<br \/>\nIst mit Galgen und Rad Euch gedroht. Drum w\u00e4hlet das Beste,<br \/>\nKommt und folget mir nach, sonst m\u00f6cht es Euch \u00fcbel bekommen.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Androhung von Strafe bei Goethe; bei Voss der Vollzug der (g\u00f6ttlichen) Strafe:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So die H\u00fcgel hinan, und des Bergs pfadlose Verwildrung,<br \/>\nKlimmen sie bang aufseufzend. Doch jetzt nicht weiter vom Gipfel<br \/>\nMehr entfernt, als flieget der Pfeil von des J\u00fcnglinges Bogen,<br \/>\nH\u00f6ren sie Sturm und Geheul und den Hall dumpfkrachender Donner<br \/>\nUnten im Tal, und ein Brausen, wie hoch aufbrandender Wasser.<br \/>\nAngstvoll wenden die Alten den Blick, und schaun voll Entsetzens<br \/>\nRingsum Flur und H\u00e4user versenkt in die steigende S\u00fcndflut,<br \/>\nDie am Gebirg aufsch\u00e4umt&#8216;, und dort mit zerfallenden Tr\u00fcmmern<br \/>\nStrudelte, dort wehklagendes Vieh, dort Menschen umhertrug,<br \/>\nM\u00fctter und Greis&#8216; und M\u00e4dchen, um B\u00e4ume geschmiegt, in Verzweiflung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterschiede sind erkennbar! Ich beschr\u00e4nke mich hier mal auf zwei.<\/p>\n<p>Einmal die F\u00fcllung der zweisilbigen Einheiten am Versanfang: Sehr leicht bei Goethe (&#8222;Denn es&#8220;, &#8222;Vor Ge-&#8220; &#8222;Ist mit&#8220;), oft schwer bei Voss (&#8222;Angstvoll&#8220;, &#8222;Ringsum&#8220;).<\/p>\n<p>Dann die Nat\u00fcrlichkeit und Prosan\u00e4he bei Goethe, dagegen der rhythmische Gestaltungswille bei Vo\u00df, etwa in diesem Vers:<\/p>\n<p><strong>H\u00f6<\/strong>ren sie \/ <strong>Sturm<\/strong> und Ge- \/ <strong>heul<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> und den \/ <strong>Hall<\/strong> dumpf- \/ <strong>krach<\/strong>ender \/ <strong>Don<\/strong>ner<\/p>\n<p>\u2014 v v \/ \u2014 v v \/ \u2014 <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> v v \/ \u2014 \u2014 \/ \u2014 v v \/ \u2014 v<\/p>\n<p>Der ganze Vers ist, passend zum Inhalt, schnell (vier zweisilbige Senkungen), doch in dem Moment, wo der Donner kracht, setzt Voss einen Spond\u00e4us&#8220; (&#8222;Hall dumpf-&#8222;), zwei wirklich schwere, lange, kraftvolle Silben.<\/p>\n<p>Ich sage jetzt, wohlgemerkt! nicht, Goethe ist besser als Vo\u00df, oder umgekehrt; ich m\u00f6chte nur zeigen, dass die beiden doch arg unterschiedliche Vorstellungen von diesem Vers hatten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vo\u00df und Goethe Eine bemerkenswerte Beziehung&#8220; Auf der einen Seite der gute, aber nicht herausragende Dichter, dabei aber ein ausgewiesener und allseits anerkannter Fachmann in metrischen Fragen, auf der anderen Seite der \u00fcberragende Dichter, der aber in metrischen Fragen oft unsicher war und Rat suchte: Beim Thema &#8222;Hexameter&#8220; begegneten die beiden sich immer wieder, bis&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=929\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (15)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-929","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/929","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=929"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/929\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":934,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/929\/revisions\/934"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=929"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=929"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=929"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}