{"id":957,"date":"2014-02-19T01:30:47","date_gmt":"2014-02-18T23:30:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=957"},"modified":"2014-02-19T01:30:47","modified_gmt":"2014-02-18T23:30:47","slug":"erzaehlverse-der-hexameter-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=957","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Hexameter (16)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vo\u00df und Goethe (2)<\/strong><\/p>\n<p>Ich komme nochmal auf die unterschiedliche Gestaltung der Verseing\u00e4nge zur\u00fcck (siehe &#8222;15&#8220;). Wenn da schon bei <em>einer<\/em> zweisilbigen Einheit gr\u00f6\u00dfere Unterschiede erkennbar sind, sollten diese Unterschiede doch, folgen am Versanfang gleich <em>zwei<\/em> dieser Einheiten aufeinander, noch viel gr\u00f6\u00dfer sein?! Das ist wohl so. Wieder aus Goethes &#8222;Reineke&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und so ist der geistliche Stand gar schwach und gebrechlich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und<\/strong> so \/ <strong>ist<\/strong> der \/ <strong>geist<\/strong>liche \/ <strong>Stand<\/strong> <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> gar \/ <strong>schwach<\/strong> und ge- \/ <strong>brech<\/strong>lich<\/p>\n<p>&#8222;<strong>Und<\/strong> so <strong>ist<\/strong> der&#8220;&#8230; Hm. Da ist ziemlich sicher auch der Verseingang &#8222;schwach und gebrechlich&#8220;?! Jedenfalls wundert es mich nicht, dass Vo\u00df bei seinen anspruchsvolleren Gedanken zum Rhythmus mit dem &#8222;Reineke&#8220; gar nicht zufrieden war. Wie schrieb er doch 1794 in einem Brief an seine Frau:<\/p>\n<p><em>Goethes Reineke Fuchs habe ich angefangen zu lesen; aber ich kann nicht durchkommen. Goethe bat mich, ihm die schlechten Hexameter anzumerken; ich muss sie ihm alle nennen, wenn ich aufrichtig sein will.<\/em><\/p>\n<p>Ojemine &#8230; Als er Goethe dann ein paar Tage sp\u00e4ter schrieb, wollte er zum Gl\u00fcck nicht &#8222;aufrichtig sein&#8220;, sondern dr\u00fcckte seine Bedenken sehr h\u00f6flich aus, nannte Goethes Verse aber auch &#8222;zu matt und zu einf\u00f6rmig&#8220;.<\/p>\n<p>Goethe hatte nun gefragt, und war eben auch an den Meinungen der Metriker interessiert; aber wahrscheinlich hat er hier schon, wie sp\u00e4ter oft, mit seinem &#8222;Reineke&#8220; gedacht:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4r ich aus dem Banne gel\u00f6st, so h\u00e4tt ich es besser,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>W\u00e4r<\/strong> ich \/ <strong>aus<\/strong> dem \/ <strong>Ban<\/strong>ne ge- \/ <strong>l\u00f6st<\/strong>, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> so \/ <strong>h\u00e4tt<\/strong> ich es \/ <strong>bes<\/strong>ser,<\/p>\n<p>Aber bis er sich aus dem &#8222;Banne der Hexameter-Nachbildner&#8220; zu l\u00f6sen wusste, dauerte es noch. Und so lange schrieb er eben Verseing\u00e4nge wie &#8222;W\u00e4r ich aus dem&#8220;.<\/p>\n<p>Wobei nat\u00fcrlich im &#8222;Reineke&#8220; nicht alle Verseing\u00e4nge mit doppelter zweisilbiger Einheit so schwach sind. Der hier etwa ist deutlich kr\u00e4ftiger:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch ein Loch im Zaune zu kriechen gedachte die Schlange,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Durch<\/strong> ein \/ <strong>Loch<\/strong> im \/ <strong>Zau<\/strong>ne zu \/ <strong>krie<\/strong>chen, <span style=\"color: #ff0000\">||<\/span> ge- \/ <strong>dach<\/strong>te die \/ <strong>Schlan<\/strong>ge,<\/p>\n<p>Nur h\u00e4tte Vo\u00df da dann eben \u00fcber das Geschaukel der Amphybrachen &#8211; x <strong>X<\/strong> x-\u00a0 geschimpft, die auf der Ebene der Sinneinheiten h\u00f6rbar werden und zu rhythmischer Einf\u00f6rmigkeit f\u00fchren:<\/p>\n<p>Durch ein Loch <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> im Zaune <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> zu kriechen <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> gedachte <span style=\"color: #008000\">\/<\/span> die Schlange,<\/p>\n<p>Am Ende war\u00a0 Vo\u00df&#8216; Vorstellung von &#8222;durch Kunst veredelter Natur&#8220; nicht in Einklang zu bringen mit der Ungezwungenheit der Verse Goethes. Wunderbare Hexameter haben sie beide geschrieben, jeder auf seine Art; und am Ende sind die Verse Goethes die besseren, weil er mehr zu sagen hatte &#8211; eben der gr\u00f6\u00dfere Dichter war. Victor Hehn hat \u00fcber den &#8222;Reineke&#8220; mal geschrieben, in ihm bewege sich &#8222;die deutsche Rede mit dem freiesten Behagen&#8220;; und das ist, finde ich, ein sehr passender Ausdruck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vo\u00df und Goethe (2) Ich komme nochmal auf die unterschiedliche Gestaltung der Verseing\u00e4nge zur\u00fcck (siehe &#8222;15&#8220;). Wenn da schon bei einer zweisilbigen Einheit gr\u00f6\u00dfere Unterschiede erkennbar sind, sollten diese Unterschiede doch, folgen am Versanfang gleich zwei dieser Einheiten aufeinander, noch viel gr\u00f6\u00dfer sein?! Das ist wohl so. 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