{"id":97,"date":"2013-12-13T11:19:44","date_gmt":"2013-12-13T09:19:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ferdi\/?p=97"},"modified":"2018-05-17T12:28:13","modified_gmt":"2018-05-17T11:28:13","slug":"erzaehlverse-der-blankvers-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=97","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (1)"},"content":{"rendered":"<p>Der Blankvers kam zuerst in England auf, das war in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Zweihundert Jahre sp\u00e4ter fand er dann in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe Eingang in die deutsche Dichtung, und seitdem ist er in der einen oder anderen Weise ein Bestandteil des dichterischen Werkzeugkastens geblieben. Im Silbenschema sieht ein Blankvers so aus:<\/p>\n<p>x X x X x X x X x X (x)<\/p>\n<p>Dabei meint <strong>X<\/strong> eine betonte Silbe, <strong>x<\/strong> eine unbetonte Silbe, und <strong>(x)<\/strong> eine unbetonte Silbe, die stehen kann, aber nicht stehen muss. Das hei\u00dft dann, in Worten: Ein Blankvers ist ein Vers von zehn oder elf Silben, der abwechselnd betonte und unbetonte Silben enth\u00e4lt; die erste Silbe ist unbetont.<\/p>\n<p>Meistens hat der Vers eine &#8222;Z\u00e4sur&#8220;, einen Einschnitt; deren Stelle im Vers ist aber frei (und daher im Silbenschema nicht eingetragen), und manchmal fehlt sie auch ganz.<\/p>\n<p>Ein Blankvers-<em>Text<\/em> entsteht, wenn Verse dieser Art gereiht werden, Strophenformen oder eine bestimmte, vorgegebene Versanzahl gibt es nicht.<\/p>\n<p>Blankverse werden untereinander nicht durch Reime verbunden; der Blankvers ist also ein reimloser Vers &#8211; daher auch sein Name &#8230;<\/p>\n<p>So, das war es eigentlich schon! Damit es nicht zu trocken wird, gebe ich f\u00fcr diese &#8222;reine&#8220; Form des Verses gleich mal ein Beispiel, den Anfang von Emanuel Geibels &#8222;Eine Seer\u00e4ubergeschichte. Erz\u00e4hlung eines alten Steuermanns&#8220;. Geibel beherrschte alle Versformen sicher, seine Texte sind aber immer etwas dr\u00f6ge, weil sie sich oft mit der reinen Erf\u00fcllung der Vers-Vorgaben begn\u00fcgen. Als Beispiel eignen sie sich darum umso besser!<\/p>\n<p>Wir hatten \u00d6l geladen und Korinthen<br \/>\nUnd segelten vergn\u00fcgt mit unsrer Fracht<br \/>\nVon Malta auf Gibraltar, Jochen Sch\u00fctt,<br \/>\nDer L\u00fcb&#8217;sche Kapit\u00e4n, mit f\u00fcnf Matrosen,<br \/>\nUnd ich, Hans Kiekebusch, als Steuermann.<br \/>\nDer Wind blies lustig, und wir waren schon<br \/>\nSardinien vorbei, als hinter uns<br \/>\nNordoster ein verd\u00e4chtig Segel aufkam,<br \/>\nDas wie mit Siebenmeilenstiefeln lief.<br \/>\nBedenklich kuckte Jochen Sch\u00fctt durch&#8217;s Glas<br \/>\nUnd sch\u00fcttelte den Kopf und kuckte wieder,<br \/>\nUnd immer l\u00e4nger ward sein schlau Gesicht.<br \/>\nVerdammte Suppe! brach er endlich los,<br \/>\nDer Haifisch soll mich schlucken, wenn das nicht<br \/>\nTuneser sind, Spitzbuben, die&#8217;s auf uns<br \/>\nUnd unsern schmucken Schoner abgesehn!<br \/>\nBei Gott, jetzt hei\u00dft es: Alles Wei\u00dfzeug los<br \/>\nUnd stramm gesegelt!<\/p>\n<p>Hier f\u00fcgen sich die S\u00e4tze v\u00f6llig zwanglos und nat\u00fcrlich in die Verse ein, alles liest sich locker und leicht; wenn der Vers die Sprache formt, dann wirklich nur so weit, dass gerade eben ein Eindruck gestalteter Sprache entsteht, der den Text von der Prosa abhebt.<\/p>\n<p>Alles, was uns etwas seltsam klingt, tut das nicht wegen des Versbaus:<\/p>\n<p>&#8211; &#8222;L\u00fcbsche&#8220; ist heute eher &#8222;L\u00fcbecker&#8220;, geht aber.<br \/>\n&#8211; &#8222;Sardinien vorbei&#8220; statt &#8222;an Sardinien vorbei&#8220; , &#8222;Akk. + vorbei&#8220; statt &#8222;an + Dat. + vorbei&#8220; war fr\u00fcher die Norm.<br \/>\n&#8211; &#8222;verd\u00e4chtig Segel&#8220;, &#8222;schlau Gesicht&#8220;, endungsloses Adjektiv vor Neutrum gab&#8217;s in der Literatur bis ins 19. Jahrhundert.<br \/>\n&#8211; &#8222;Tuneser&#8220; kennt der Duden als Nebenform zu &#8222;Tunesier&#8220;.<\/p>\n<p>Die einzige Stelle, die etwas eigen klingt, ist der &#8222;Spitzbuben&#8220;-Vers; darauf soll aber ein sp\u00e4terer Beitrag eingehen. Diesen hier ende ich jetzt und gebe nur noch eine grobe \u00dcbersicht, was ich mir so vorstelle als Stoff der weiteren Beitr\u00e4ge:<\/p>\n<p>&#8211; Die Z\u00e4sur, der Einschnitt: Warum, an welchen Stellen, mit welcher Wirkung?<\/p>\n<p>&#8211; Das Versende: Was bewirkt eine betonte Silbe als Vers-Schluss? Was eine unbetonte?<\/p>\n<p>&#8211; Zeilensprung: Wie wirkt es, wenn sich Vers und Satz entsprechen, wie, wenn sie es leicht oder stark nicht tun?<\/p>\n<p>&#8211; Der Blankvers kann alles: Drama, lyrische Gedichte, erz\u00e4hlende Gedichte &#8230; Wo liegen die Unterschiede in der Versbehandlung?<\/p>\n<p>&#8211; Was bewirkt das Einstreuen l\u00e4ngerer oder k\u00fcrzerer Verse?<\/p>\n<p>&#8211; Wie klingt der Vers, wenn manchmal zwei unbetonte Silben gesetzt werden statt einer?<\/p>\n<p>&#8211; Wie ver\u00e4ndert sich der Vers, wenn der regelm\u00e4\u00dfige Wechsel von unbetonter und betonter Silbe im Versinneren missachtet wird?<\/p>\n<p>&#8211; Wie passen &#8222;nicht-abwechselnde&#8220; W\u00f6rter in den Vers (Beispiel: &#8222;Spitzbuben&#8220;)?<\/p>\n<p>&#8211; Wie klingt der Blankvers im Wechselspiel mit anderen Textformen &#8211; Prosa, gereimte Verse?<\/p>\n<p>Sicher muss man nicht \u00fcber alle die gerade angef\u00fchrten Punkte Bescheid wissen, um schon mal loslegen zu k\u00f6nnen mit dem Blankverse-Schreiben; aber andererseits schadet es nicht, \u00fcber all diese Dinge einmal nachgedacht zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blankvers kam zuerst in England auf, das war in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Zweihundert Jahre sp\u00e4ter fand er dann in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe Eingang in die deutsche Dichtung, und seitdem ist er in der einen oder anderen Weise ein Bestandteil des dichterischen Werkzeugkastens geblieben. Im Silbenschema sieht ein Blankvers so aus: x X x&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/?p=97\">Read More <span class=\"screen-reader-text\"> in Erz\u00e4hlverse: Der Blankvers (1)<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-97","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=97"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8953,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97\/revisions\/8953"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=97"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=97"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/verserzaehler.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=97"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}